Der Anti-Sulzer

19095429_1807364369561700_7632783845955157680_oSeit ein paar Tagen grüble ich über Goethes bekannte Sulzer-Rezension in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen (1772). (In der Hamburger Ausgabe Bd. 12, S. 15-20.)

Einerseits spricht mich diese Bemerkung enorm an:

„Was würde Herr Sulzer zu der liebreichen Mutter Natur sagen, wenn sie ihm eine Metropolis, die er mit allen schönen Künsten, Handlangerinnen, erbaut und bevölkert hätte, in ihren Bauch hinunterschlänge?“ (17)

Der junge Goethe spielt auf das Erdbeben von Lissabon an.

Etwas irritiert ist man vom Konjunktiv, aber das ist sicher Rhetorik, denn JEDER wusste 1772, welche Katastrophe sich 17 Jahre zuvor ereignet hatte. Goethe war damals 6 Jahre alt. Man kann sich denken, welchen Eindruck die sich schon damals rasend schnell verbreitenden Nachrichten (als illustrierte Blätter) auf diese kindliche Seele gemacht haben.

Ich hatte vor vielen Jahren schon im altersweisen Filter der DuW davon gelesen; damals hat es mich aber nicht so bewegt. Jetzt spricht es mich an, weil ich immer stärker dieses Erdbeben für einen der Angelpunkte der westlichen Geistesgeschichte halte. Meine Bochumer historische (sic) Geschichtstheorievorlesung (seinerzeit immer freitags, 8 Uhr, you know) hatte zwei wesentliche Weichen: Eusebios und Lissabon (resp. Voltaire). Jetzt scheint es mir, als ob dieses Erdbeben (ein schlimmes Untergangsszenario) auch auf Goethes Denken mehr Einfluss hatte, als ich bisher annahm. Goethe selbst hat diese frühe Rezensionsarbeit autobiographisch für wichtig gehalten. Eine ästhetische Position wie die von Sulzer musste dem Team der Gelehrten Anzeigen NACH Lissabon völlig unhaltbar erscheinen. Daher Kunst als Kontingenzbewältigung (Querverweis Arnold Gehlen, btw.).

Andererseits fürchte ich im Zuge eines in Arbeit befindlichen Textes zur digitalen Revolution die folgende (berühmte) Stelle möglicherweise überzuinterpretieren:

„… der Mensch durch alle Zustände befestigt sich gegen die Natur, ihre tausendfache Übel zu vermeiden und nur das Mass von Gutem zu geniessen; bis es ihm endlich gelingt, die Zirkulation aller seiner wahr- und gemachten Bedürfnisse in einen Palast einzuschliessen, sofern es möglich ist, alle zerstreute Schönheit und Glückseligkeit in seine gläserne Mauern zu bannen, wo er denn immer weicher und weicher wird …“ (18)

Man korrigiere mich: Ich lese das affirmativ. Und wenn das so ist, dann liesse sich die viele so ängstigende digitale Revolution auch als ein Fortschritt in jedem Kunst- resp. Kulturzustand lesen, mit dem der Mensch die Naturkontingenz besser bewältigt als zuvor. Es ist klar, dass ich hier eine ästhetische Theorie in eine Kulturtheorie weiterführe (sicher nicht im Gegensinn zu Goethe, imho). Im Ganzen aber scheint mir Goethe doch grundsätzlich der technischen Fortentwicklung und ihren kulturellen Auswirkungen interessiert bis unterstützend gegenübergestanden zu haben, das würde meine Lesart dieser Stelle stützen.

tl;dr: Goethe wäre heute kein kulturpessimistischer Digitalskeptiker. Wegen Lissabon.

Nachtrag: Goethe spottet (auch in dieser Rezension!) explizit der konventionellen Geschichtsschreibungen. (19)

Disclaimer: Ich schätze die HA wegen Trunz. Den ich auch in diesem Zusammenhang wieder aufschlussreich finde.

Bild: Wikimedia Commons
(ursprünglich nicht-öffentlich auf Facebook am 17. Januar 2018)

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