Ich stromere gern herum. Besonders faszinieren mich Wege in scheinbarer Wildnis, die viele oft nur links liegen lassen oder achtlos mit den Füssen treten und nur selten darüber nachdenken, warum diese Wege dort verlaufen, wo sie sich eben gerade befinden. Dabei sind diese Wege die einfache Voraussetzung des Sich-dort-Befindens, einschliesslich der Aussichten, die sich von gerade dort ergeben oder eben verstellt werden.

Über Wege nachzudenken, heisst also, seine eigene Position in der Welt als besondere Position erkennen und diese Besonderheit und ihre Rückwirkung auf die eigene Weltanschauung mindestens zu erwägen. Wir stehen und laufen auf dieser Welt auf vorgespurten Bahnen – selbst dort, wenn wir unsere fremdgezogenen Vernutzungsgehäuse verlassen wollen.

Am 3. Februar war ich in einem grossen Waldstück des nördlichen Ruhrgebiets unterwegs, das ich noch nicht kannte. Dabei entstand dieser Shot. Es handelt sich bei dem abgebildeten Weg sofort sichtbar nicht um einen vergessenen in dem Sinne, dass er nur noch wenig benützt würde. Nein, es ist sogar ein gut frequentierter Spaziergangsweg, wenn auch vielleicht nicht bei einem Wetter wie am 3. Februar.  Was aber sehen wir eigentlich, wenn wir einmal analytisch auf diesen Weg blicken? Ich wusste nicht, wo ich mich befinde – jenseits der Lokalisation auf der Karte. Aber es hat mich interessiert.

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Ich habe das auf FB gepostet und daraus ergab sich eine der von mir dort so geschätzten Unterhaltungen, die ich hier auszugsweise gerne veröffentlichen möchte. Beteiligt waren einige, nachzulesen eben auf FB, hier möchte ich nur das Gespräch mit dem hoch geschätzten Hansjörg Küster wiedergeben.

3. Februar 2019

Küster: Sehr schön, dieser „wilde“ Weg und dieser „wilde“ Wald. Einen solchen Weg konnte man nur planen, als es rechts und links davon keine Bäume gab. Aber die Illusion von der Wildnis ist SOOOO schön!

MD: Es handelt sich um den Flaesheimer Weg über die Haard. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Haard?fbclid=IwAR2bcs5TWgYwgPbUibRj2HxjRbd8bv66sfTr8ut6mDkG93C0cG-gC3ErzIY

Küster: Es ist eine große Überraschung beim Lesen von Landschaften, dass man solche Wege als Zeugnis dafür deuten muss, dass sie durch eine waldfreie Gegend gelegt wurden. Dann hat man vom Weg aus die Wälder aufgeforstet. Und: Es gibt zwar natürliche „Kieferninseln“ in den Borkenbergen (Publikation von meinem Kollegen Richard Pott), aber sicher war die Kiefer keine Hauptbaumart dort (wie nun in den Forsten rechts und links vom Weg).

MD: Die Haard ist relativ vielfältig in ihren Baumarten (v.a. Kiefern, Eichen, Buchen, Birken), diese Vielfalt erschien mir aber wie parzelliert. Kein gewachsener Mischwald. Spricht natürlich für Ihre Analyse.
Ich weiss nicht viel über die Geschichte dieses Naturschutzgebietes, jedenfalls schien mir, dass es ein relativ altes ist. Ich gehe dem einmal nach.

7. Februar 2019

MD: Ich habe jetzt noch etwas recherchiert. Der Flaesheimer Weg verbindet den heutigen Halterner Stadtteil Flaesheim (seit 1975) mit dem heutigen Marler Stadtteil Sinsen (eingemeindet 1926, zuvor Bauerschaft) in Richtung Recklinghausen/Köln.
Der Weg ist nur zum Teil so gerade wie in meinem ironischen Bild, und er scheint sehr alt zu sein, darauf deutet seine alte infrastrukturelle Bedeutung, denn in Flaesheim bestand 1166-1808 ein Prämonstratenserinnen-Stift unter der Oberhoheit der Erzbischöfe von Köln.
Diesem Stift nun gehörte im Wesentlichen der uralte Haardwald. In einer sehr eindrücklichen Arbeit des Flaesheimer Heimatvereins (2003) lässt sich durch die Zeiten der konflikthafte Umgang der Eigentümerinnen und ihrer Hintersassen und Nachbarn mit diesem Wald nachlesen. Wer darf wann wessen Schweine dort weiden lassen?, das war ein wichtiges Thema.

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Dem Haardwald, der ein gemischter Buchen- und Eichenwald gewesen war, ist besonders seit dem 16. Jahrhundert die Gier der nicht weit-entfernten Meeresreiche nach Holz zum Schaden geworden. (Man kennt das ja auch aus dem Schwarzwald.) Dazu trug insbesondere der Umstand bei, dass sich das Stift Flaesheim an der seit Alters her strategisch bedeutsamen und dennoch kleinen, aber eben flach schiffbaren Lippe befand, eigentlich genau zwischen Lippe und Haard. Der Rhein war sehr nah, und damit die Abnehmer in den Niederlanden.
Jedenfalls befand sich dieser Wald zum Zeitpunkt der Auflösung des Stifts 1808 in einem sehr beklagenswerten Zustand. Die „Haardverwüstung“ der vergangenen 200 Jahre hatte den alten Baumbestand weitgehend beseitigt.
Nach 1808 ging die Haard in bürgerlichen und kommunalen Streubesitz über. Seitdem wurden Kiefern aufgeforstet zur industriellen Waldnutzung. Ob man damals den Flaesheimer Weg auf dem fotografierten Streckenstrück begradigt hat? Möglich, die Route des Weges zumindest bestand von alters her.
Leider konnte ich noch nicht herausfinden, seit wann die Haard unter Naturschutz steht. Im Waldgebiet habe ich aber einen Findlings-Gedenkstein für einen der Pioniere der Umwandlung gesehen, dessen Lebenszeit von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts reichte. Es könnte sich also um eine bundesdeutsche Errungenschaft handeln. [„Errungenschaft“ ist ein Begriff aus meinem Geschichtsunterricht, fällt mir dabei ein. :-)]
Teil dieser Naturschutzmassnahmen ist nun die Wiederansiedlung von Eichen und Buchen. Warum man dies aber derart parzellenartig-bürokratisch gemacht hat, wie es mir jedenfalls schien, das weiss ich auch nicht. Es sicher günstig für spezifische Massnahmen der Baumpflege. Naja. Kiefern gibt es noch immer viele, insbesondere an den maschinell unzugänglichen Lagen.
Es ist vom Ruhrgebiet aus nach Norden das schönste und grösste Waldstück. Anscheinend ranken sich auch einige Volkssagen darum.

Küster: Herzlichen Dank! Dann ist für möglich zu halten, dass man einen nicht genau trassierten Weg zu Anfang des 19. Jahrhunderts fixiert hat (befinden sich nicht links und rechts des Weges Wälle?). Wälle verhinderten, dass die Fuhrleute nach links und rechts von der Trasse abwichen, wenn der Untergrund aufgeweicht war. Sie mussten auf dem Weg bleiben, und auf der anderen Seite des Walls konnte man aufforsten, ohne befürchten zu müssen, dass die jungen Bäume von den Fuhrwerken überrollt und zerstört wurden.

MD: Ja, das halte ich für sehr sehr wahrscheinlich, dass die Neukonzipierung der Waldnutzung mit dieser Trassierung einherging. Möglicherweise ist die Befestigung des Weges aber auch jünger, und zwar wegen des Brandschutzes. Es gibt – für mich ungewöhnlicherweise – zwei hohe Brandschutztürme auf den höchsten Erhebungen des Waldes. Der Weg wirkt partiell wie aufgeschüttet für schwerere Fahrzeuge.

Küster: Man hat den Weg sicher ausgebessert und weiter befestigt in späterer Zeit. Feuerschutztürme wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebaut. Man braucht sie bei Kiefernwäldern. Sie sind die einzigen heimischen Wälder, die großflächig brennen können.

MD: Lieber Herr Küster, immer eine Freude mit Ihnen!


Literatur

Flaesheimer Heimatverein e.V. (Hg.) unter Mitwirkung von L. Althoff und H. Bücker: Der stetige Kampf um die Haard. Flaesheim 2003, (PDF).

Titelbild: (c) M. Demantowsky 2019.

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