Spontane Erinnerung,

da ich gerade Hansjörg Küsters belehrsames neues Wald-Buch durchgelesen habe.

Als mein Schul-Jahrgang im Juni 1989 seine Abiturprüfungen in diesem stolzen preussischen Schulhaus gleich am Rande des mittelalterlichen Wallgrabens unseres Provinzstädtchens absolviert hatte und nun der letzte offizielle Schultag mit seinen üblichen Harlekinaden anstand, überlegten mein guter Freund (späterhin sehr lange erfolgreicher Bundeswehrsanitätsoffizier mit grosser Tropenexpertise) und ich, was an diesem späten Junitag noch zu leisten wäre. Wir waren inszenatorisch etwas in Übung durch unsere übermütigen theatralischen Wasweissichprojekte der vergangenen Jahre.

Sicher waren wir jedenfalls nur, dass der traditionelle Klamauk nicht alles werde sein können. Dass er nicht ausreichte.

Claude_Monet,_Weeping_Willow

 

 

Saule pleureur von Claude Monet – Columbus Museum of Art, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1169982

 

 

 

 

Irgendetwas ging mehr zu Ende, so fühlten wir offenbar deutlich, als beim Abgang früherer Jahrgänge. Was nur?, wissen, ohne zu wissen. Ahnen, ohne es sagen zu können.

Wir beschlossen, ein lebendiges Denkmal zu errichten, mit ordentlicher Denkmalsweihe in Versammlung und mit Ansprachen. Selbstverständlich (und doch eigentlich gar nicht) ohne Rücksprache mit Autoritäten ausser dem Hausmeister und ohne den gewöhnlichen leeren Sinnbezug zur FDJ, zu einem antifaschistischem Kämpfer oder zum anstehenden 40. Jahrestag des Staates, den wie nie anders als den unsrigen erlebt hatten.

Einen Baum pflanzen. Welche Sorte?

Über Wochen haben wir Stunden über diese Frage diskutiert. Am Ende musste es eine Trauerweide sein.

Die Pflanz- und Bewidmungs-Zeremonie war dann schön und gelungen. Trotz des eigentlich auf Frohsinn abgestellten Tages bildete sich ein andächtiges Karree um den grossen Setzling, der fast schon als kleiner Baum anzusprechen war (und der immerhin, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, 75 Mark gekostet hatte).  Die zwei Ansprachen waren dann so, wie sie nicht anders sein konnten. Man bedauerte das Auseinandergehen, gedachte der wundervollen zwei gemeinsamen Jahre; die jungen Männer sahen der von allen gefürchteten Einberufung entgegen, die letzten freien Sommerwochen standen für sie an. Das galt auch für die jungen Frauen, die vor dem Studium oftmals auch für ein Jahr noch harte Arbeit zu verrichten haben würden. Es war hoher Juni und in unseren Herzen war doch schon Herbst.

Lange, für eine Lebensphase, in der eine Woche dauern konnte wie jetzt dem Zurückblickenden ein halbes Jahr, war ich danach nicht an diesem Ort. Fünf Jahre nach der Zeremonie war unsere Trauerweide vom Erdboden verschwunden. Als hätte es sie und uns nie gegeben. Für irgendeinen Umbau hatte sie gestört.

„Generell muss man davon ausgehen, dass die genaue Identität und der Ursprung der im Handel zu findenden Trauerweidensorten nicht ausreichend geklärt werden kann.“ (Wikipedia)

 

 

Bildrechte, Beitragsbild:
Von Geograf 95 – Übertragen aus de.wikipedia nach Commons.Original source: Selbst fotografiert von Geograf 95, CC BY-SA 3.0.

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