Kommt,

lasst uns ausspazieren, | Zu hören durch den Wald | Die Vögel musizieren, | Dass Berg und Tal erschallt. (Martin Opitz)


In den Oberschenkeln spüre ich noch die Kraxelei, kein Wunder nach dem wochenlangen Sitzen. Zuletzt bin ich im Bermudadreieck zwischen Schreibtisch, Küche und Schlafzimmer verschollen gegangen, nur der Twitterfunk sendete noch Lebenszeichen, oftmals grantelnder Natur, in den sozialen Orbit.

So ist es kein Wunder, dass einzelne ziemlich genau ermittelbare Muskelstränge jetzt ihre Wiedererweckung verkünden können, zwickende Lebenszeichen, wohliges Ziehen, gesucht beim heimlichen Strecken der Beine. Auch der eigene Körper will zur schrägen Lust verführt werden; soll dieser Frontallappen nur denken, es täte weh, das vorzeitliche Stammhirn findet den Weg zu seiner Befriedigung.

Blick von der Spitze des Feldsteins ins Hochtal des Gierskopp

Vorzeitliche Begegnungen gab es heute bereits draussen, beim Stromern. Als vor 380 Millionen Jahren das Rothaargebirge noch Meeresboden war, geriet einiges in Bewegung, seismographisch wäre es zweifellos auch ohne Messgeräte erfahrbar gewesen. Das Schieben, Drücken und Ziehen der auf Lava schwimmenden dünnen Kruste faltete sich zur heute autobahnesque in Richtung Flughafen rasend durchschnittenen deutschen Mittelgebirgslandschaft auf. Dabei ereigneten sich unter diesen gewaltigen Energien Risse, die Lavaströme, manchmal aber auch nur gleichsam versehentliche Lavarülpse des Erdinneren, geflissentlich freigaben. So auch hier.

Der hier nur unverfänglich so genannte „Feldstein“, der südliche Felsen, das Kreuz lugt über die Kante

Auf dem Kamm des Rothaargebirges liegen vier grosse Brocken des irdischen breiartigen Eingeweides. Wie Meteoriten, nur aus dem Innersten unseres, der Menschen Weltalls. Was einst auf dem Ozeanboden auskühlte, liegt nun ganz oben, auf 750 Metern über dem Meer. Kalt ist es dort, besondere Flora gedeiht hier hier, auch der Habicht mit seinen 1.5 Metern Spannweite schätzt es als Kern seines Reviers, das sich sonst über 200 Kilometer im Umkreis erstreckt.

Es ist eine merkwürdige, von weither sichtbare Felsformation. Besonders berührend aber die menschliche Geschichte dieser Steine.

Die Archäologie sagt, dass es in der späten Hallstattzeit war, sechs Jahrhunderte bevor da ein Stern in einer der östlichen Provinzen des Römischen Reiches drei alte weise Männer zu einem Säugling geführt haben werden würde, wie man sagt, … dass da also die Bewohnerinnen dieser Gegend, gewiss keltischer Kultur zugerechnet werden könnend, sich den Unwägbarkeiten der mangelnden staatlichen Friedensordnung dadurch und mit Fug und Recht entziehen wollten, dass sie sich um diese Felsen eine Fluchtburg schufen. Mochten fremde Mordbanden, deren Geschäftsmodell der Raub und die Versklavung war, sich daran die Knie blutig schrammen, ihre elenden Knochen brechen, ihre Bosheit verröcheln.

Es ist eine der ältesten bisher gefundenen Burganlagen weit und breit. Auf einem der Fotos sieht man die immer noch sichtbaren Reste einer gewaltigen Mauer von 4.5 Meter Höhe, von der Tiefe des umlaufenden Grabens aus gemessen. Dieser meterbreite, aus gefügten Steinen errichtete Mauer besass einen Wehrgang. 10’000 schwere Arbeitsstunden rechnet die Archäologie für dieses Bauwerk. 10’000 schwere Arbeitsstunden und die dafür nötige Energie, die dem sonst schon fragilen Gleichgewicht von Ressourcen und Ressourceninvestition entnommen werden mussten, von ein paar Hanseln.

die Reste der Wallanlage

An einem der Felsen (die sich 380 Millionen Jahre gehalten haben, weil sie viel härter als das Umgebungsgestein sind), und zwar an demjenigen, der auf einem der Fotos bestiegen wird, gibt es einen etwas grösseren ebenen Platz, auf dem man bei Ausgrabungen einen Kupferarmreif vergraben fand, ein Schatz zu damaliger Zeit. Es gibt deshalb Anlass zur Annahme, dass dies ein Kultplatz war, der heilige Ort des Tals hochdroben, hinter den geschützten Mauern.

In den dreissiger Jahren machte man die ersten Funde aus wissenschaftlicher Arbeit, aus dieser Arbeit entstammt auch die archäologische These. Prompt kam – was gewiss nicht die Absicht der Wissenschaft gewesen war – ein fettes christliches Eichenkreuz auf diesen Felsen. Fremde Götter müssen die Christen noch nach Jahrtausenden bannen, man weiss ja nie, offenbar. So ganz heimisch fühlen sich die Christen in diesen Landen bis heute nicht. Die alten Erd-, Quell- und Luftgötter des Tals werden es einordnen können.

Seit heute Nachmittag bin ich mit meinen Gedanken bei diesen Menschen, ihrem gefahrvollen Alltag, ihren Ängsten, ihrem Stolz auf dieses einmalige Bauwerk, ihrem Hunger, ihren Ängsten, ihrer Lust, ihren Riten, Hütten, ihrem Palaver. „Vorgeschichte“, weil wir nichts Schriftliches bekommen haben. Und doch nur 75 Generationen von unserer Gegenwart entfernt.

Möglicherweise habe ich einen kognitiven Defekt, denn ich sah alles vor mir, als ich zwischen den Felsen sass, während elektromotorgedopte ältliche Mountainbikertäter an mir vorbeipflügten, mehrfach. Das ist geologische Gegenwart, nur eine Autostunde von der Haustür mit der Nummer 9 und dem Bermudadreieck im zweiten Obergeschoss entfernt, in der grossen Stadt, und doch habe ich mehr als 20 Jahre gebraucht, um die Aura dieses Ortes zu entdecken. Und bin auf dem Weg zum Skifahren schon x-mal durchs Nachbartal gerast, wie die halbe Bevölkerung der Niederlande.

Heute war der Tag, und es war gut. Aber warum erst so spät.

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