Das Konvolut seines Tagebuchs/seiner frischen Erinnerungen (1946) und einiger seiner historischer Briefe ist ein Hammer.

Berstend pralle Alltagsgeschichte eines sächsischen Abiturienten, Justizanwärters, Justizinspektors, Unteroffiziers, Papierschneiders, Gewerkschaftsfunktionärs von der Weimarer Republik, über den Nationalsozialismus, dann als Soldat quer durch Europa (Niederlande, Belgien, Frankreich, Polen, Sowjetunion bis kurz vor Moskau, Wien, Böhmen, wieder Polen, Ostseeflucht), in englischer Kriegsgefangenschaft als Feldwache in Schleswig, in der SBZ und dann der DDR 1929 bis 1949/52.

Neben all dem, was thematisch vielleicht zu erwarten war: Mediengeschichte (*alle* besuchten Kinofilme), Geschlechtergeschichte (regelmässig #tmi), jüngerhafte Frontstücke etc.pp. Manchmal nur sachlich-reichhaltige Stichwortgruppen, phasenweise aber überaus dichte Texte, die imho literarische Qualität haben.
Und dann dieses Schweigen! Diese Blindheit! Paradigmatisch.
Schlimme Alpträume heute Nacht, da ich es ausgelesen haben, das Herz schlägt noch immer, ganz unmetaphorisch gesagt.

Dabei ist es nur zum kleinere Teil die persönliche Beziehung, meine ich. Es gruselt mich als Leser regelrecht zu erfahren, was man alles für normal halten kann, und dabei bin ich als Historiker eigentlich abgehärtet und weiss ich als gelernter DDR-Eingeborener, was Normalitätsdifferenz bedeutet. Aber dieses! Dieses Stück Lebensfleisch!
Ein Blick auf eine ganze Europageschichte öffnet sich exemplarisch, wie durch ein Schlüsselloch. Der Text, den ich dazu schreiben müsste, der wäre lang.

Hans ist biologisch mein Grossvater, den ich allerdings erst in seinem hohem Alter kennengelernt habe. Damals, 1996/97 schrieb ich gerade an meinem ersten Büchlein (über die Aktivistenbewegung), das hat ihm offenkundig sehr imponiert. Die vorsichtige Sympathie war gegenseitig. Wenige Jahre später war er tot.

Siehe auch: https://meine-paralipomena.com/2018/04/04/chladni-francke-mein-grossvater-und-ich/ 

In der 1950er Jahren wurde die Ehe von meiner Grossmutter (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1817834788514658&set=pcb.1817834805181323&type=3&theater) geschieden, es kam dann leider zu einem Beziehungsabbruch zu den Kindern (also auch meiner Mutter). Ich habe als Kind einen Grossvater vermisst (der andere war schon 1958 gestorben, geb 1876!), als Junge ist diese Art von Rollenprojektion vielleicht besonders wichtig. Daher habe ich mir immer, nicht zu oft und intensiv allerdings, so mein Bild gemacht, von dem Abwesenden.

Diesen Text, zwei Kladden, ca. 300 S., hat mir Hans vererbt. Nach seinem Tod bekam ich Post vom Notar. Die Schrift ist über Strecken schwierig, sehr sparsam gesetztes amtsgepflegtes Kurrent mit regelmäßigen stenographischen Versatzstücken. Ich konnte über Jahre nicht heran, die Leseschwierigkeiten und die tausend anderen Verpflichtungen waren willkommene Ausrede.

Eine persönliche Krise hat mein Bewusstsein geschärft, dass dies Geschäft offen ist. Um mich selbst zu überrumpeln, habe ich eine erste, noch ungeschliffene Transkription extern anfertigen lassen (danke J. Gilfert!), dann lag es noch mal sechs Monate. Jetzt in mehreren Nächten quälend langsam gelesen, nachrecherchiert. Einiges dazu frisch immer mal auf Twitter.

Und nun? Jetzt gebe ich dieses Ding erst einmal zur Lektüre an Hans‘ beide Töchter.

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