3. Oktober

Immer wieder etwas *befremdlich*,
den 3. Oktober im nonchalanten Ausland zu verbringen. Und Deutschland dabei durchs Fenster zu sehen.

Am 3. Oktober 1990 wurde mein zwei Tage zuvor ausgestellter Studentenausweis ungültig. Mein Jahrgang war immer der letzte, der die Tür zumachte.

Am 3. Oktober 1990 um 0 Uhr stellte mein Lieblingsradiosender seinen Betrieb ein. DT64 hatten wir in der Nacht gemeinschaftlich bis buchstäblich zur letzten Sekunde gehört. Wie auf die Signale eines untergehenden Schiffes. Ungeheiztes klammes Zimmer im besetzten Haus in der Ernst-Thälmann-Strasse, die damals noch so hiess.

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Ad Langobardos

Ich musste nochmals zurück nach Italien.
Cividale, nicht nur wegen der lupenreinen Renaissancebauten incl. Palladio, vor allem wegen dieses „Volkes“ von vielleicht 100‘000 Personen, das Mitte des 6. Jahrhunderts, ursprünglich wohl zu grossen Teilen von der Mittelelbe kommend, in diversen Migrationskonflikten andere Kulturen und „Ethnien“ aufnehmend, über den bequemen Robič-Pass nach Norditalien strömte, über den zuvor und danach so viele zunächst fremde Anderskulturige meist feindlich gekommen sind, und dort ein Königreich errichtete, dessen Idee weit über die 200 Jahre hinaus bestand hatte, in denen seine Obrigkeit direkt Herrschaft auszuüben vermochte.

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Geographie von oben

Landschaft als menschengeformte, manchmal sogar menschengemachte Natur erschliesst sich meinem Verstehen von unterschiedlichster Warte: Beim Wandern, Fahrradfahren, beim Spaziergang, beim Klettern oder von Rand eines Bootes, wenn es nicht gerade eines diese supermotorisierten Schnellboote ist.
Überhaupt scheint die Geschwindigkeit der eigene Bewegung eine Rolle zu spielen für meine Fähigkeit, Landschaft als kulturelle Leistung aufzunehmen. Ein ICE, mein zweites Zuhause, gibt mir dafür kaum den nötigen Sinn, eine bequeme Regionalbahn in der Schweiz eher. Mich zieht es auch nicht an die Fensterplätze von Düsenjets, dort versuche ich dem systemischen Wahnsinn durch Noisecanceler und ein gutes Buch einigermassen Herr zu werden.

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Die Erfindung DER Ostdeutschen

Disclaimer: Ich äusserte mich lange nicht mehr so gern direkt zu diesem Thema, meine Bücher und Aufsätze zwischen 2000 und 2006 sollten reichen, dachte ich einmal. Erst globalgeschichtliche Themen, dann Public History und vor allem der Digital Change waren seitdem meine Schwerpunkte; es ist mühsam, als einer der wenigen heutigen Geschichtsprofessor_innen mit DDR-Sozialisation in allen möglichen Diskursen auf eben darauf festgelegt zu werden. Dabei könnte das Unterstellungsspiel immer auch reziprok verlaufen, oder? Aber so läuft es eben nie. Also, ich heute bin ich heute, das alles liegt lang zurück.

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Chladni, Francke, mein Grossvater und ich

Was haben wir der protestantischen Theologie und Ihrem Sola-Scriptura-Prinzip doch zu verdanken! Nicht nur die epochale Entdeckung des Sehe-Punkts (1), auch, und weiter denkend, die Einsicht darin, dass die persönliche Disposition des Lesenden dessen Verständnis der Lektüre lenkt, hemmt oder fördert. Hermeneutik simply. So zumindest wird bei flüchtiger Beschäftigung oder eiliger didaktischer Zurichtung jeder Dozierende hören lassen, der im stumpf blickenden Vorlesungssaal seine Effekte braucht. Ich habe das vor Jahren auch so gemacht.

Inzwischen macht es mich bei Texten grundsätzlich misstrauisch, wenn die grosse Innovation posaunt wird, weil die doch in allen mir bekannten Fällen nur auf der Müdigkeit beruht, sich und andere seiner unbewussten (bestenfalls!) Referenzen zu versichern.

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Bibliothek deutscher Klassiker. Zur Wiedervorlage

Ich beziehe mich auf diesen früheren Blogpost: BdK: Bibliothek deutscher Klassiker (3.1.2018)

Das neueste Wikipedia-Studierendenprojekt aus meiner Schweizer Hochschule ist online. Ich bin wirklich ziemlich stolz auf diese Seminarteilnehmer_innen. In kurzer Zeit haben Sie Erstaunliches kollaborativ zuwege gebracht und das Weltwissen relevant bereichert. Und dabei noch praktisch sehr viel über den digitalen Wandel gelernt … hoffe ich doch.

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Generation 1,5

Was haben dieser SZ-Artikel, Karl der Grosse, Spinoza, die Russen und eine indische Ordinaria miteinander zu tun?

„Die Übersiedlung nach Deutschland war für viele eine Entscheidung für ein Land, in dem sie endlich nicht mehr fremd sein würden. Stattdessen wurden sie gerade erst in Deutschland zu Russen, die Klischees bedienten. Durch eine Fremdzuschreibung als Russen habe bei vielen jugendlichen Russlanddeutschen eine Russifizierung stattgefunden, so Panagiotidis.“
http://www.sueddeutsche.de/…/russlanddeutsche-doppelte-frem…

Daran möchte ich gern zwei Gedanken anknüpfen.

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„Zivilisation“ spielen

Lesen Sie bitte die Verpackungsbeilage!

Sturmfrei. Mein „Gretchen“ ausser Haus.
Hatte mich deshalb heute Nacht bis zum Morgengrauen, ganze 9 Stunden, einer, sagen wir, pflichtschuldigen Immersion in #civ6 Sid Meier’s Civilization verschrieben.
Konnte dabei vergleichen mit Erfahrungen von vor ca 25 Jahren: Floppy disc, 386er, Abschlussarbeitsprokrastination.

Ich habe, wie es sich gehört, Kontinente exploriert, diverse Städte gegründet, Verteidigung organisiert, Barbaren gekillt, Diplomatie und Handel gepflegt, F&E-Strategien entwickelt, Theater und Museen errichtet und natürlich Geschichtsschreibung veranlasst und auch die Entwicklung des Tourismus nicht vernachlässigt etc. pp. Noch nicht gelungen ist mit die Implementierung eines Privatblogprivatfeuilletons im Spiel. Es ist eben doch keine Realität! ^^

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Erinnerung an das Lehrerwerden

Als ich, schon promoviert und mit einiger universitärer Lehrerfahrung, an die Schule und ans Studienseminar ging, um auch noch ordentlicher Schullehrer zu werden, hatte ich, neben Dingen, die immer unvermeidlich kommen und einfach, wenn möglich, stoisch zu ertragen sind (das betraf vor allem, mit einer Ausnahme, das Studienseminar), auch mehrfach Glück.

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