Was haben dieser SZ-Artikel, Karl der Grosse, Spinoza, die Russen und eine indische Ordinaria miteinander zu tun?

„Die Übersiedlung nach Deutschland war für viele eine Entscheidung für ein Land, in dem sie endlich nicht mehr fremd sein würden. Stattdessen wurden sie gerade erst in Deutschland zu Russen, die Klischees bedienten. Durch eine Fremdzuschreibung als Russen habe bei vielen jugendlichen Russlanddeutschen eine Russifizierung stattgefunden, so Panagiotidis.“
http://www.sueddeutsche.de/…/russlanddeutsche-doppelte-frem…

Daran möchte ich gern zwei Gedanken anknüpfen.


In meiner Zeit an der Schule hatte ich die Aufgabe, in rein russischsprachigen Klassen Geschichte und Philosophie zu unterrichten. Die SchülerInnen zwischen 18 und 30, Deutsch nur das Allernotwendigste. – Das war zugleich meine schwierigste und schönste Aufgabe, die ich wohl bekam, weil kein anderer wollte. Ich dachte höchst naiv, ja warum denn nicht? Nun, … Alles, was ich über das Unterrichten gelernt zu haben meinte, konnte ich vergessen.

Geschichtsunterricht: Dortmunder Lokalgeschichte. Wie fängt man an? Ortstermin in den Sträuchern am Rande der Hohensyburg, soweit klar. Zerschundene Knie, aber das Gelände über der Ruhr mit seinen Zeitschichten durch die Jahrtausende, die alten verborgenen Sachsenwälle, die karolingische Peterskirche, die Ruinen der kleinen erzbischöflich-romanischen Syburg, der romantische Vincketurm, das berühmte Kaiser-Wilhelm Denkmal, das moderne Spielkasino – alles auf ca 1, 2 Quadratkilometer spricht buchstäblich für sich, das musste man nur zeigen, abgehen, umrunden, erklimmen, beschnuppern. Da hatte ich das Interesse der jungen fremden Einwander_innen gewonnen. Blieb die Sprache … wochenlang haben wir uns mit Freude am Konzept der „Gemeinde“ hin- und herübersetzend, vergleichend, nachforschend und -sinnend zu schaffen gemacht (ich verstehe auch ein wenig Russisch). Es war schön, die Zeit zu haben in diesem Kurs, Interessen zu explorieren. sich menschlich näher zu kommen. Irgendwann war ich mir sicher, wenn wir dieses begriffliche Spannungsfeld von reichsstädtischer verfasster und markgräflich bedrohter „Gemeinde“ und ihren Freiheiten und Bindungen im Wortfeld von община/совeт/cоюз und all ihrer Wandlungen erkundet hätten, wäre auch etwas fürs heutige gesellschaftliche Ankommen geleistet. Vielleicht war es das, man weiss es nicht.

Schwieriger war es in Philosophie. Naturgemäss. Erster Gedanke: Was könnte sie interessieren, vielleicht ein verwandtes Schicksal, also ein/e Denker_in, der/die auch existentiell zwischen allen Welten stände, sich um Kopf und Kragen philosophierte, um wieder etwas Ordnung ins Dasein zu bringen, der/die quasi bei Null anfinge mit dem Philosophieren (ein Unsinn, ich weiss), ein/e Aussenseiter_in, der/die noch zu Lebzeiten außerordentlich wirksam wurde. Also, sonnerklar, auf der Hand liegend, unvermeidbar: Baruch de Spinoza (die Kolleg_innen im Raucherlehrerzimmer lachten herzlich). Spinoza, der mir selbst aus schon ähnlich gedient hatte, der verehrte Aus-der-Patsche-Helfer. Aber wie anfangen, ohne aufgefächerte Sprachregister, ohne Assoziationsraum, mit so viel Differenz. Man greift zu Osbornes „Bildergeschichte für Einsteiger“. Und scheitert gleich, sofort, meines Wissens unverzüglich, und auch später immer wieder. Diese Umkodierung nicht nur von Sprache in Bild und Sprechblasen, sondern auch noch in ein Comic mit seinen durch Vorstellungskraft zu befüllenden Rinnsteinen, das alles setzt viel mehr voraus als es zu liefern vermag. Eine fachdidaktische Honigfalle. Ich kam hier also gar nicht voran, und es blieb lange frustrierend. Bis ich auf die Idee verfiel, es ähnlich wie m Geschichtsunterricht zu versuchen. Vier PKW befüllt, nach Amsterdam gefahren (von Dortmund ein Katzensprung) und die Synagoge von Spinozas Heimatgemeinde besucht mit ihrer hervorragenden und ergreifenden Ausstellung (auch gerade zu Spinoza). Dann, am selben Tag weiter nach Rijnsburg. An Spionzas Kate erwartete uns schon der von unserer merkwürdigen Gruppe seltsam begeisterte Geschäftsführer der „Vereniging Het Spinozahuis“, der mit herrlichem Feuer, halb niederländisch, halb englisch, halb deutsch uns durch dieses Häuschen wie durch einen Palast führte (ja, es waren 150%). Unvergesslich für alle Beteiligten. Abends. noch zurück nach Hause. Was für ein Tag. Seitdem stürzten sich die jungen Leute, die aus allen möglichen Gegenden der ehemaligen Sowjetunion gekommen waren, auf die Anfänge der Ethica, ordine geometrico demonstrata, soweit wir sie noch im Unterricht behandeln konnten. Es war nicht viel, es war möglicherweise bei den meisten nur eine undeutliche Idee, aber es war etwas. Ich wüsste gerne, was aus diesen Menschen geworden ist.

Dass diese Schüler_innen verschiedenster geographischer und sozialer Herkunft in ihren bis dahin 2-3 Jahren erst zu „den Russen“ geworden sind und gemacht worden sind, das haben sie mir einige Mals berichtet, nachdem etwas Vertrauen entstanden war, was … dauerte.

Das Foto zum Posting stammt von diesem Besuch, Datumsstempel 24.10.2004: Spinozas originale Büchersammlung, von den Schüler_innen angestaunt wie die Mona Lisa im Louvre, vielleicht auch mehr, zumindest stelle ich mir das so vor.
Selfies gab es noch nicht.

Aber da gibt es noch diesen zweiten Gedanken. Ich bin noch nicht ganz so weit, diesen in ähnlicher Weise ausführen zu können. Aber diese Story in der SZ über „die Russlanddeutschen“ hat mir eine strukturelle Similarität bewusst gemacht. Vielleicht war ich deshalb auch ein vergleichsweise unschädlicher Lehrer in dieser „Russenklasse“. Nur so viel: Als ich im Februar 92 der erste Mal für länger aus Leipzig nach Indien zum Studium ging, ging ich dezidiert als ehemaliger DDR-Bürger, nur mit einer gewissen Anstrengung wäre es mir in den Sinn gekommen, mich anders zu bezeichnen. Der Pass fremd, dieses Frankfurt am Main und sein Flughafen atemverschlagend. Wenn ich das aber in Jaipur an der Universität oder in der Gastfamilie jemandem erklären wollte, scheiterte ich regelmässig (- außer natürlich bei der Ordinaria für Germanistik, die ihrerseits in Leipzig lange Studienaufenthalte gehabt hatte. Leider habe ich ihren Namen vergessen. Eine mich völlig beeindruckende Persönlichkeit voller Wärme und Verständnis an einem Ort, wo ich damit niemals gerechnet hätte. Ein ältere Hindu-Lady wie aus dem Bilderbuch der Hare Krishna Sekte. … Ich schweife ab).
Es gab im Hindi dafür einfach kein alltagswirksames sprachliches Konzept für „Deutschsein“. Selbst der Ausdruck „ich bin Deutscher“ wurde kaum verstanden. „अंग्रेजी“ wurden alle Weissen genannt und wurden mit einem Makrotypus Engländer = Europäer identifiziert. Welch Mühe hatte ich später in Ajmer bei einer befreundeten indischen christlichen Familie, wo ich lange und immer wieder wohnen durfte, ihnen verständlich zu machen, dass Englisch nicht meine Muttersprache sei (ein hoch amüsantes Problem angesichts meiner sprachlichen „Gewandtheit“, nebenbei bemerkt), dass dieses Deutschland etwas anderes sei als Europa/England. Nun so kam es dann dort in der Fremde, dass sich mein staatliches Heimatkonzept schleichend fortbewegte von der Vergangenheit. In der Fremde wurde ich Deutscher.
Mit dem grossen Vorteil natürlich gegenüber den „deutschen Russen“, dass ich wieder dorthin fliegen konnte, wohin ich gelernt hatte, mich identifikatorisch zuzuordnen. Oder besser: Wie es mir beigebracht wurde; denn wirklich die allermeisten Inder_innen hatten überhaupt keine Geduld meinem Sermon über die Former German Demokratie Republic or you may say East Germany, you know 1989? Upheaval? Peaceful Revolution? anzuhören.

So ein Quatsch, Du अंग्रेजी, hör auf zu labern.

Image Credentials: (c) Marko Demantowsky 2018

Ein Gedanke zu “Generation 1,5

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