Reden. Mit Anderen reden, #mAr. Menschen ansprechen, zufällig, irgendwelche. Das kann aufschlussreich sein.

Zbyszek

Bildschirmfoto 2019-08-19 um 21.01.07

Das ist Zbyszek. Kam 1981 aus Danzig nach Deutschland, aber dem anderen, Sie erinnern sich vielleicht.

„Wilhelm-Pieck-Stadt Guben“ hiess seine neue Gemeinde, am dortigen Kulturhaus wurden Musiker gebraucht, die Konzert- und Gastspieldirektion der DDR annoncierte in der Volksrepublik Polen die Stellen, Zbysek, musikalisches Multitalent an Blas- und Tasteninstrumenten, kam und blieb gerne.

„Dann bist Du nicht wegen des Kriegsrechts emigriert?“
„Ach, iwo.“
1986 lernt er seine Frau kennen, DDR-Deutsche und zieht mit ihr nach Stralsund, wo sie noch heute wohnen.
Seit 1986 musiziert und tourt er mit verschiedenen Musikgruppen durchs Land. 2013 dann ein Angebot: China. Seit 2014 war Zbysek daraufhin jeweils achtneun Monate dort und spielte auf bayerischen Festmärkten in China. Er nannte mir acht Städte in unverkennbar dortiger Aussprache, ich konnte mir keinen Namen merken, es war Provinz, ich kannte keine. Zbysek verdiente dort gut, fühlte sich wohl und anerkannt. Seine Gruppe hiess: Speedy Alpencombo oder so ähnlich. Er zeigte mir Plakate und Fanpost und -videos junger Chinesinnen. Für dieses Jahr gab es Probleme mit dem Visum.
„Und damit ich nicht zu Hause rumsitze, hab ich den Job in der Frittenbude angenommen.“
/ „Soll ich Dir was spielen, Marko?“
„Was hier vor den Broilern in der Frittenbude?“
„Klar, machen wir, ich hole schnell mein Akkordeon, passt Du hier kurz auf?“
😲“ „ja, klar“
Den Rest sehen Sie auf dem Video.


Wie wir uns kennenlernten?
„Einmal Pommes bitte“
„2 Euro“
„Schönes Wetter, oder?“
„Woher kommst Du?“
„Im Moment aus Richtung Ribnitz, der Rest ist schwieriger.“
„Bei mir auch.“
„Erzähl!“

„Wie lange bleibst Du? Kommst Du hier wieder mal vorbei, Marko? Am Wochenende bin ich nicht hier, habe ich frei.“
„Jetzt ganz gewiss, bis nächste Woche!“

 

Heidrun und Klaus

Klaus und Heidrun, beide 64, wenn ich richtig gerechnet habe.

Ich schreib mir mal auf, was ich aus dem Gespräch gerade erinnere, im ‚Kiek in’ in Prerow, wer‘s kennt:

Wir sind zufällig an einem Tisch, eigentlich haben wir Bücher dabei, aber der weisshaarige, schon etwas ältlich wirkende Tischgenosse macht immer mal kleine Anstalten, in Kontakt zu kommen. Seine Sprache klingt norddeutsch, aber etwas weich und oberdeutsch abgeschliffen, so wie Norddeutsche klingen, die in langem Kontakt auch mit Sprachsachsen standen. Aus der DDR also. Nun, Möser weggelegt: „Waren Sie schon häufiger hier?“ „Ja, jedes Jahr bis 1992.“

Folgende Lebensgeschichte.
Beide stammen aus Schwerin, 1955 geboren. Seit dem 16. Lebensjahr ein Paar, sie waren Lehrlinge im gleichen Betrieb. Sie lernt technische Zeichnerin, er Werkzeugmacher. Mit 18 heiraten sie, 10 Tage später muss Klaus zur Armee. Er kommt zu einer Eliteeinheit, den modernsten Raketentruppen, stationiert an der Oder. Beide sind in der SED, der Vater von Klaus ist Offizier bei der Staatssicherheit. Während Klaus bei der Armee ist, arbeitet Heidrun im Thüringischen. Dort kommt sie in Kontakt mit einer Gemeinde der Zeugen Jehovas, in einer langen Nacht konvertiert sie.

Alle reden auf sie ein, nicht zuletzt auch wegen Klaus und der jungen Ehe. Sie bleibt dabei, tritt aus der SED aus. Vorladungen „zur Klärung eines Sachverhalts“ zur Volkspolizeidienststelle, wo dann zwei Spezialisten warteten, die sich schwerpunktmäßig mit den (verbotenen) Zeugen Jehovas beschäftigen. Beste Literaturkenntnis und Kenntnis aller möglichen Argumente. Heidrun bleibt dabei. Man erhöht den Druck, informiert die beruflichen Vorgesetzten, führt Verhöre in der Untersuchungshaftanstalt durch. Sie bleibt dabei. Sie schreibt Klaus. Er trennt sich nicht, am Ende, man muss es sich dramatisch vorstellen. Er liest in Heidruns Bibel, um ihr die „Schwachstellen“ zu zeigen, sie von einem Fehler zu überzeugen. Am Ende konvertiert auch er, zunächst heimlich.

Nach Abschluss des Wehrdienstes, er muss als Unteroffizier gedient haben, tritt auch er aus der SED aus. Es beginnt das gleiche Procedere wie bei Heidrun.
Als sie schwanger ist, wird er als Reservist einberufen. Er verweigert und rechnet dafür mit den üblichen sechs Monaten Gefängnis. Der Untersuchungsrichter hält sich aber nicht für einen „Unmenschen“ und lässt ihn davonkommen. Viele Jahre später trifft man sich und hat ein langes gutes Gespräch.

Sein Vater bricht 1978 die Beziehung ab, auf tragische Weise, nicht verdammend. Er warnt ihn noch.
Die beiden können sich trotz dieser Konflikte in der DDR einrichten, ihre berufliche Arbeit wird geschätzt, sie ziehen aufs Dorf, arbeiten als technische Experten und Leiter in einer LPG Tierproduktion im Bezirk Schwerin, leben idyllisch. Alle drei Monate ein Gespräch mit den Stasiexperten, die auch immer wieder Erkundigungen „im Betrieb“ einziehen. Heidrun und Klaus berichten über sehr viel persönliche Loyalität unter den Kolleg*innen.

Nach 1989 das bekannte Untergangschaos und Erfahrungen mit Freibeutern von jenseits der Trave. 1992 wird das erfolgreiche neu aufgebaute Umternehmen von einem Investor aufgekauft und zerschlagen. Klaus wird von einem Unternehmen in einer westdeutschen Mittelstadt sofort angeworben, beide ziehen dorthin, wo sie neu heute leben. In den Ferien kehren sie manchmal zurück an die Orte ihres ersten Lebens.
Finis.

 

Desiree

Andere Geschichte: Desiree (79).

Ihr gehts schon lange nicht mehr gut, schwere Operationen überstanden, nur noch Phasen hellsichtiger Wachheit, Zuwendung, Aufmerksamkeit.
Seit einiger Zeit muss sie viel an ihren Vater denken, der Anfang der 1950er Jahre gestorben ist. Sie habe ihn gehasst. Er war eigentlich eine Respektsperson, seitdem er aus dem Krieg zurückgekommen war, war er aber völlig verändert. Sie, schmächtiges Mädchen, musste ihn von der Dorfkneipe abholen, vor der sie so lange stehenzubleiben pflegte, bis er draußen erschien. Dann durchs Dorf nach Hause bringen. Gelächter, Feixen, Sprüche der Nachbarn. Sie habe ihn gehasst.
Heute ist sie darüber sehr traurig.
Er war sechs Jahre Frontsanitäter gewesen.

 

Jochen

Andere Geschichte: Jochen (60).

Seit ein paar Jahren haben sich die Nordleute in den deutschen Ostsee-Urlaubskantonen verändert. Urlauber*innen wurden hier in der Vorbeitrittszeit und auch in den 15-20 Jahren danach mit ostentativem Desinteresse begegnet, das manchmal durchaus auch an Unhöflichkeit grenzen konnte, jedenfalls in den Augen und Ohren von Zugereisten aus den südlichen Regionen weichen, schmeichelnden und prosodisch melodiösen Zungenschlags der Bezirke Suhl, Erfurt, Gera, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Leipzig, Halle und Cottbus (südlicher Teil). Für die Fellow-Nordleute war es wohl doch nur die gewohnte alltägliche Herzlichkeit.
Nun, auffällig die Freundlichkeit hier allenthalben zuletzt, lächelnde Kassiererinnen, auskunftsbereite, fast geschwätzige Dorfbewohner, sogar mein spezieller Humor wurde immer wieder tapferfreundlich entgegengenommen.

Wie erfrischend dann heute morgen ein Exemplar des guten alten knorzigen Nordmanns wiederzufinden, der sein Moin gegenüber Fremden noch so bezaubernd unhörbar aus dem linken Nasenloch tropfen lässt.

Der Hinterreifen meiner Tochter war platt, beim Flicken löste sich die Shimano-Nabenschaltung auseinander, ich scheiterte beim ordnungsgemässen Wiederzusammensetzen derselben. Also ins Urlauberdorf zu den Fahrradausleihen, vielleicht würden die mir helfen (dieser Weg verletzte natürlich erheblich mein männliches Selbstkonzept: Scheitern bei der Reparatur des Tochterfahrrades!! #Schmerz).
An den verschiedenen Ausleihstellen war man zwar neumodisch freundlich und zuvorkommend, aber die Einstellung dieser Schaltung reparieren? Nein, das könne man nicht. Meine Frustration steigerte sich etwas. Am letzten Servicepoint raunte mir dann aber zu: gün ter … gün ter … 700 m geradeaus, dann links, nochmal links 200m, dann rechts, Blechgarage.

Er kam gerade aus dem dahinterliegenden Häuschen, als er mich sah, schien er eigentlich wieder umdrehen zu wollen. Dann näherte er sich doch, gleichsam ziellos schlendernd. Über meinen Rücken liefen Erinnerungsschauer. Gün ter liess sein Moin abtropfen, ich sah es eher, als dass ich es hörte. Er seinerseits hörte meiner Erklärung nicht zu. Fluchte. Sah mich nicht an. (Herrlich!) Nahm wortlos das kaputte Rad, klemmte es auf seine Bühne. Fluchte. Frug: „Wer hat das denn verpfuscht?“ „Ich.“ (Beinahe hätte ich mich entschuldigt.)
„Warn Sie bei die Fahrradfritzen?“ „Ja, die haben mich ab Sie empfohlen.“
Nun folgte ein plötzlicher Redeschwall Jochens (der Nachname blieb mir unbekannt) im Modus des leidenschaftlichen Selbstgesprächs, durchsetzt mit derben Flüchen.
Inzwischen kam ein Freund von Jochen auf einer Essfuffdsch, der meinen Gruss ignorierte, sich auf einen Schemel in der Garage setzte und dann (wie auf eine Regieanweisung hin) begann, Jochen liebevoll anzuschauen.
Während diese Dreierkonstellation vorwaltete, ich erschien mir da und gleichzeitig beobachtend nicht anwesend zu sein, schritt die Reparatur voran. So etwas wie ein Gespräch entspann sich, als sich ein Erfolg der handwerklichen Operation abzeichnete. „Wow“, sagte ich, die Arbeit beobachtend, um mir nächstens mein Vatertum nicht mehr ankratzen lassen zu müssen, „jeder Handgriff sitzt!“
„Jo, habs ja auch zwei Jahre gelernt.“
„Wie heisst der Beruf?“
„Na, Fahrradmonteur.“
„Klar.“
„Dein dritter!“, sagte der Freund auf dem Schemel.
„Wie, was?“, fragte ich neugierig?

Jochen ist gelernter Zimmermann und hatte bis 1991 sein Auskommen in einer PGH und ihrem Geschäftsnachfolger. Dann Pleite. Arbeitslosigkeit. Absturz.
Dann Ausbildung zum Bürokaufmann. Keine Anstellung. Absturz.
Weggehen wie so viele seiner alten Freunde wollte er nicht.
Dann gab man ihm auf dem Arbeitsamt einen guten Hinweis. Darsstourismus ist Fahrradtourismus.
Er verleiht keine Fahrräder, er will nicht diese Servicementalität, er repariert nur noch, vor allem alles, was schwieriger ist. Er ist jetzt der anerkannte Geheimtipp in diesem Ort, man kommt zu ihm, weil man ihn braucht, er darf sich so geben, wie er es für richtig hält.

Er ist ein Exponat. Ich stelle mir Jochen als glücklichen „Ossi“ vor.


 

 

Ein Gedanke zu “Zbyszek, Heidrun, Klaus, Desiree, Jochen. 4 Geschichten von Hübendrüben

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