Geographie von oben

Landschaft als menschengeformte, manchmal sogar menschengemachte Natur erschliesst sich meinem Verstehen von unterschiedlichster Warte: Beim Wandern, Fahrradfahren, beim Spaziergang, beim Klettern oder von Rand eines Bootes, wenn es nicht gerade eines diese supermotorisierten Schnellboote ist.
Überhaupt scheint die Geschwindigkeit der eigene Bewegung eine Rolle zu spielen für meine Fähigkeit, Landschaft als kulturelle Leistung aufzunehmen. Ein ICE, mein zweites Zuhause, gibt mir dafür kaum den nötigen Sinn, eine bequeme Regionalbahn in der Schweiz eher. Mich zieht es auch nicht an die Fensterplätze von Düsenjets, dort versuche ich dem systemischen Wahnsinn durch Noisecanceler und ein gutes Buch einigermassen Herr zu werden.

Bildschirmfoto 2018-07-15 um 21.08.47
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Gestern nun hatte ich Gelegenheit, mir einen dieser Kindheitsträume zu erfüllen mit einem Vehikel hinreichender Langsamkeit, langsamer als manches Auto auf der Autobahn, und die Landschaft, die ich sonst von unten blickend erkunde, einmal aus Vogelperspektive zu sehen. Gerne teile ich hier ein paar Fotos, vielleicht interessiert das auch jemand: Landschaft: wie gemalt im Geographieschulbuch.

Der Flug führt vormittags von Marl (bei Recklinghausen) der A31 entlang (ja, man navigiert auf Sicht) über Emden nach Juist, abends zurück mit Zwischenlandung in Papenburg.

Für mich war das sowohl eine geographische als auch (überraschender) eine soziale Lehrstunde.

Ich beginne mit der Sozialerfahrung. Ein guter Freund ist seit ein paar Jahr Flugenthusiast. Nicht einer von denen, die sich ein müssiges Hobby suchen, um wenigstens etwas von d i e s e m ganzen Geld ausgeben zu können, sondern ein Klinikarzt, der sich 4,5-mal im Jahr ein kleines Flugzeug für einen Tag leiht, um das Mindesmass zur Erhaltung seiner Fluglizenz zu absolvieren und den Tag zu geniessen. Für diesmal haben wir es zusammen gemacht und unsere beiden gleichaltrigen kleinen Töchter auf die Rückbank gesetzt. Das war alles sehr schön und für uns alle prima. Wir kennen uns schon lange.
Interessant war die Infrastruktur, in die man gerät. Eine ganz eigene, mir bis dato vollkommen unbekannte Welt der unzähligen kleinen und kleinsten Regionalflughäfen, das Treffen der Flieger*innen dort (meistens Flieger), der Geruch von Tankstelle und Bockwurst, die Zuschauer*innen an all diesen Orten. Wir waren nur an drei diesen Flugfeldern, aber als angelernter Navigationsassistent hatte ich über den Kopfhörer die ganze Zeit den kompletten Funkverkehr … Es ist kaum zu fassen, was es da alles gibt, wie eng gestrickt diese Flugüberwachung und -leitung ist: allein für die Hobbyflieger und kleinen Geschäftsflieger. Eine eigene mir unbekannte Kultur voller Idiosynkrasien. Wenn ich Journalist wäre, würde ich darüber eine Reportage schreiben: Was für Typen! Und selbst auch ein Museum einer schon vergangenen Epoche der Flugpilot*innen, gerade in den Werkstätten spürbar, angesichts der angekündigten autonomen Flugtaxis.

Geographisch war die durchgehende Vogelperspektive horizonterweiternd, tatsächlich. Wir flogen zwischen 600 und 2000 m über dem Erdboden (je nach Wolkenhöhe, wir mussten zur Navigation darunter bleiben).
Viele der bekannten Siedlungsformen seit dem „Mittelalter“ wie auf einen Reissbrett: die Rundsiedlungen, Strassensiedlungen, erweiterten Herrschaftssitze, Hafensiedlungen etc. Interessant auch, wie diese über Jahrhunderte stabilen Siedlungsformen im 20. Jahrhundert aufgebrochen worden sind, wie sich Neubausiedlungen ungeachtet natürlicher Gegebenheiten rechtwinklig in die Landschaft gefressen haben: als Wucherungen am alten Siedlungskörper.
Hochinteressant die Gewässerregulierung für Landwirtschaft und Schiffsverkehr oder Schiffbau (Papenburg, Emden). Gerade die Ems kann für diese Regulierung als ein Paradebeispiel gelten.
Spannend (sorry für diese langweiligen Attribute) , wie sich Felderwirtschaft entlang des Terrains, der Fliessrichtung des Wassers, dem Gefälle entwickelt hat. Solche Beobachtungen könnte man Transharzien kaum noch machen, nach der umstürzenden Flurbereinigungen in der Folge der Bodenreform 1946-48 und dem Abschluss der Kollektivierung 1958-61. Die Feldblöcke (Schläge) scheinen in Nordwestdeutschland entlang der Ems seit Jahrhunderten unverändert zu sein und waren an ihren Knicken durchgehend gesäumt von Baum, Busch, Wasser, Weg.
Hochinteressant natürlich auch die Wattlandschaft an der Küste und die Linie des ostfriesischen Inseln. Einige haben wir der Länge nach überflogen und hier bot sich die Lehre: Man sieht sofort, auf welcher Insel Autoverkehr gestattet ist und welcher dieser Autoverkehr niemals gestattet war. Autogerechtigkeit dokumentiert sich auf der kleinsten Insel, sie verändert alles.

Ich ergänze jetzt noch einige Angaben zu den einzelnen Bildern.

Für mich ist klar; das mache ich wieder, vielleicht einmal im Jahr. So, wie ich mir mit dem Fahrrad ‚Heimat‘ in der Fremde gebaut habe (zu diesem Begriff und seiner am Ende etwas Goetheanischen Fassung hoffentlich bald mehr bei Merkur), so kann ich das gemeinsam mit meinem Freund Jens nach und nach auch mit diesem kleinen alten Einpropeller tun. Danke, Leben.

 

Ein Kommentar zu „Geographie von oben

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