Das Alter,
in dem die Familie leicht ungeduldig zu werden beginnt, wenn man eine Geschichte erzählt, von der man selbst ziemlich genau weiss, dass sie am Ende einen Clou hat, die Zuhörerinnen das allerdings aus Erfahrung nicht nur auch ahnen, sondern wie selbstverständlich erwarten wie die Hitze im nächsten Sommer, was man so in meiner Jugend gar nicht geschrieben hätte, hätte schreiben können, sondern zweifellos zweckpessimistisch geschrieben hätte von der sicheren Erwartung verregneter Ferien, aber …

… das tut jetzt natürlich nichts zur Sache … es steht körperlich geradezu vor Augen, und kann jetzt nicht nicht gesagt werden, dass er zu seiner Mutter manchesmal inbrünstig raunte: „Mutti, vielleicht wird dieser Sommer mal wieder richtig gut?“ Also, jedenfalls, dieses Alter hat eine klare Markierung in der Biographie eines pater familias, in der er die grossen erwartenden Kinderaugen zu vermissen beginnt, die bisher zu seiner häuslichen Nahrung und Freude gehört hatten. Vergänglich ist nicht das Erzählte, solange wir es erzählen, und mehr werden wir nicht wissen, vergänglich ist der Erzähler selbst, dem es irgendwann den Mund verschliesst und die Hand vertrocknen lässt, erlebbar vergänglich ist vor allem aber das Erzählen selbst, weil es auf die grossen klaren Augen angewiesen bleibt, die sein Leben sind. Elend, die vereinsamten, übriggebliebenen Alten in ihren Behausungen und Heimen, die bei lebendigem Erzählleib an diesem Augenmangel langsam sich auflösen.

Wie hiess er nur, der mir heute wieder in den Sinn kam, aus dem Vergessenwordensein, als meine Tochter mich fragte, warum ich denn kein Vegetarier geblieben sei. Sanjay. Im Bild steht er im Zentrum, auf der knapp kniehohen Barriere zwischen den beiden gegenläufigen Fahrspuren in der Altstadt der Halbwüstenmetropole, die sich gar nicht so pittoresk einzwängt in ein freies Dreieck zwischen zwei hohen, niedrigbewachsenen bis kahlen, vormonsunsommers gelbstaubigen und von Zinnen bekrönten abweisenden Felsenbergen und der freien Ebene als ausgebeulter, erheblich ausschwärender Hypotenuse, die von ungezählten Rikschas, Mopeds, Lastkarren, in den äusseren besseren Bezirken von den Automobilen durchschwirrt und durchstänkert wurden, worin die zufällig herumstehenden Kühe und Dromedare und die mal stillstoischen mal schreihektischen Rhesusmakaken ihre Lebenstupfer der Unvorhersehbarkeit setzten. Ein Mordsgeräuschsgeruchsgeschaugewitter.

Zunächst wusste ich nicht mehr, warum. Der Grund es geworden zu sein, fiel mir dagegen sofort ein: 3-4 Jahre zuvor, vor diesem Moment in Indien. Aber das ist eine andere Geschichte, die sich beim letzten Leipziger Fischer zugetragen hatte, dessen Fischteich nur 100 Meter vom erschütternden Abgrund des planetoiden Braunkohletagbaus trennten. Gleichwohl ging es um Kaninchen.

Mit Sanjay hat er in den ersten Monaten in Indien viel Zeit verbracht. Er, Sanjay, fuhr eine Motorrikscha, behauptete, von den Radschputen abzustammen, dem berühmten Stand der Krieger, der auch die meisten Radschas dieser semiariden Landschaft, die seit der Republiksgründung ihren von den Briten noch weislich gepäppelten und von den Moguln seit Aurangzeb nur geduldeten Herrschaftsanspruch verloren hatten. Radschputen, die Söhne der Könige, wenn man es wörtlich nimmt, in ihren zahllosen Sippen dienten immer zuverlässig als Militärs, Verwalter, Grossgrundbesitzer. Zugleich waren sie vor mehr als dreizehn Jahrhunderten auch ein kriegerischer Integrationsstand für die aus den Steppen Mittelasiens über den Khyber immer wieder in die Indus-und Ganges-Ebenen einfallenden Beutegemeinschaften, zu denen auch die gehörten, die etwas frühen schon in Europa unter dem Schreckensbegriff der Hunnen bekannt geworden waren. Das Gesicht Sanjays und seiner Familie trug erkennbar Züge, die ihn von vielen seiner indischer Mitbürger unterschied, was als physiognomische Vielfalt jedoch ein geteiltes Merkmal ist. Ein verschmitztes Lächeln war ihm eingekerbt, über der breiten Nase sassen schmale Augen, das Haar was schwarz und gewellt, das Oberlippenbärtchen dünn. Er war ein listiger Rikschawala, schick angezogen, lebte mit 24 in einem guten Haus, war gut verheiratet, sprach gut englisch, fuhr privat eines der begehrten japanischen Motorräder und bestritt sein Einkommen vorwiegend aus den Provisionen der Teppichhändler, zu denen er die Touristen brachte, die er vor den besseren Hotels oder dem Busbahnhof dienstfertig ansprach, wenn sie eigentlich zum Palast der Winde wollten. Die Lebewesen des Soziotops hatten sich an die seit 200 Jahren einreisenden Touristen gut angepasst. Der Palast der Winde, der urspünglich den verborgenen Blick nach aussen auf die fremden Bazaarbesucher ermöglichen sollte, war lange schon der makakenbeherrschte Magnet der mythifizierten Blicke von aussen geworden.

Ihn faszinierte das, und er gewann das Vertrauen Sanjays. Komischer Vogel war er für ihn, dieser Fremde. Er wohnte nicht im Hotel, sprach leidlich Hindi, liess darin naiv wenige Anglizismen, dafür gerne Sanskritworte einfliessen, sein Kleidungsstil des immer noch Untergangs-Bluesers gehorchte nicht dem Schablonenfächer westlicher Backbacker und auch nicht zu den Outfits britischer oder amerikanischer Pauschaltouristen in den besseren Hotels. Die mit den weissen Mützen und den grossen Sonnenbrillen. Bauchtasche, mit um die Fingerknöchel roter Haut von der Anspannung des Festhaltens der Habseligkeiten vom ersten Schritt an aus dem Hoteltor. Er studierte dort, die Sprachen und mit unerschöpflicher Hingabe die ihm erst maximalfremde Welt, die erst maximalfremden Menschen. Bei ihm war für Sanjay absolut nichts zu holen, das merkte der wohl bald, obwohl er ihm bereitwillig auf die Teppichhändlertournee gefolgt war, als er einmal aus irgendeiner Laune nicht das klapprige uralte Fahrrad genommen, sondern eine der Motorrikschas herangewunken hatte, um vom Aussenbezirk in der Nähe der Universität zur Ablenkung und Zerstreuung in die Altstadt zu fahren. Umgehend kamen sie in ein angeregtes Gespräch. Sanjay zeigte ihm in den kommenden Wochen seinen urbanen Kosmos, sie fuhren über Tage mit wehenden Haaren auf seinem Motorrad durch die Hitze und den Staub der erheblich ausfransenden Stadt, er stellte ihm seine Rikschafahrerkollegen vor, bei einer zweiten metabackstageerkundenden Teppichhändlertornee seine Teppichhändlerprovisionskunden, seine Familie und seine liebsten Orte vor, sie tranken Unmengen köstlichen Cays, bis ihm die rechte Hand mit der Tasse zu zittern begann, was auch am ständigen Rauchen dieser phantastischen Bidis liegen mochte; bald lernte er, welche Caywalas bei den Einheimischen geschätzt wurden und welche nicht und mit jedem Tag wandelte sich seine Fremdheit gegenüber den Einheimischen in eine Identifikation, in ein Verständnis, in eine Dazugehörigkeit. Sie fingen an, Projekte zu schmieden, mit Geldgebern zu reden. Was sollte ihm seine immer etwas feuchte Bruchbude mit dem bröckelnden Putz in diesem kalten Land, dass es in die indischen Hauptnachrichten immer nur dann brachte, wenn irgendwo ein Haus angesteckt worden war. Man dreht sich zu ihm um, er errötete und bedeute durch eine abwehrende Gestik zugleich, dass das mit ihm nu gar nichts zu tun hätte. Das war so schnell gegangen, diese wahrhafte Entfremdung, diese Verduftung im hindostanischen Olfaktorium, dass es ihn tief befriedete, von sich befreite, beliess.

Fast hätte es auch etwas kränkend sein können, natürlich, die vorgängigen deutschen Jahre landeskundlichen Studiums im Flügel jener alten Bibliothek, die von der platanenumringten Kriegsruine noch mühsam nutzbar gehalten worden war und in der die überaus reiche indologische Vorkriegsliteratur zur Präsenzausleihe verfügbar gehalten wurde, waren buchstäblich weggeblasen von diesem unverhelmten Fahrtwind über buckelige Strassen und Pisten, vom verbalischen Sturm des tausenfach schattierten gesprochenen Hindi, der aus unzählbaren Transistorradios aus jedem Verschlag hervortönenden intravenösen Gassenhauer Bollywoods, eines alles in allem damals noch unabgewickelten, tief einwurzelnden Wirbels altertümlicher Strukturen, in denen den mit ihren Luftschiffen angelandeten Fremden die Glasperlen als Schätzchen verkauft werden konnten. Vor allem galt das eigentlich etwas Kränkende für seine braven Adaptionen westlich eingepasster Hindostanismen wie den Versuchen indischen Kochbuchkochens, den Yoga-Kursen bei Diplomsportlehrerinnen in Kleinzschocher, dem manierierten privaten Gurutum, der Bescheidwisserei, der Restweltflucht. Jetzt wusste er oft gar nichts, war nur noch Ohr, Auge, Nase und Hand, hatte das Wissen sich von der Wahrnehmung ablösen lassen.

Sein Vegetarismus kam nicht aus diesem Exotismus und doch und deshalb vielleicht als Einziges kam er ihm praktisch zustatten, lebte er doch im Haus einer sittenstrengen brahmanischen Familie und vermisste in seiner Verpflegung nichts, und auch dann nicht, wenn er sich auf dem Bazaar verköstigte. Und doch war es gerade dort, die Tochter hatte es zu wissen verlangt, sich hochwahrscheinlich aber auch mit kürzerer Antwort begnügt haben wollend, wo und als er wieder begann, auch Fleisch zu essen.

Sanjay leuchtete ihn eines Vormittags fröhlich an: Heute mittag machen wir etwas ganz Besonderes! Wir gehen ins beste Restaurant der Stadt! Als es soweit war, bogen sie mit dem Motorrad durch eines der schmaleren Tore der punkgetünchten Reststadtmauer und fuhren in ein Viertel, das ihm noch nicht aufgefallen war. Es war etwas anders dort, ruhiger. Weniger farbenreich, weniger menschenvoll. In diesem Altstadtviertel hatten die Muslime ihr Territorium. Es war nicht extra umzäunt, es war kein Ghetto, aber es war unsichtbar getrennt. Leute, wie Sanjay, die sich den Rajputen zurechneten, waren viel viel weniger vedisch sittenstreng als die meisten anderen Kasten. Alkohol war kein Tabu, auch in Restaurants nicht, man befolgte keine Speiserestriktionen, man hatte keine Kontaktscheu, alles Ausflüsse der grundlegenden sozialen Idee der Reinheit, die die indische Kultur ordnet. Muslime, von denen es in Indien zugleich viele und zugleich auch nur wenige gibt, sind Teil dieses kulturellen Universums, und doch auch immer Andere. Die Idee der Umma passt so wenig in die reinheitsstratifizierte Welt des Dharma, dass er es eben sofort spürte, als er das Viertel der Muslime betrat. Fast war es ihm unheimlich, was angesichts seiner eigenen objektiven Fremdheit doch eine ausgesprochen eigentümliche Bewusstseinsregung war.

Sanjay bockte das Motorrad in einer urtümlichen Häuserschlucht auf. Sie betraten eine kühle Dunkelheit durch einen türlosen offenen Eingang mit flachrundem Lintel, gingen ein paar Treppenstufen hinab in ein gewölbeartiges Souterrain, herrlich temperiert, erquickend, wie es keine Klimanlage jemals erzeugen könnte, leise surrten riesige Ventilatoren. Sie waren allein in diesem ausgedehnten vielkammrigen Gewölbe mit nackten glattverputzten Wänden, an das er sich von Ferne erinnert fühlte als er Jahrzehnte später in Cordoba mit klopfenden Herzen und demütig die Mezquita betrat. Sie nahmen Platz, nackter Holztisch, zwei Hocker. Alles frisch und sauber, wenn auch gerbaucht. Der Wirt mit gebrauchtfleckiger Schürze und ehemals weissem Käppi. Er, der Erzählte, warf ein skeptisches Stirnrunzeln zu Sanjay, der nur verschmitzt undurchsichtig: lächelte? Der Chef brachte einen von Kälte beschlagenen Metallkrug und zwei Metallbecher. Eisiges Wasser. Erquickung, er begriff dieses Wort, es wurde ihm klar.

Nach einer Weile vollen Schweigens brachte der Wirt für die zwei Kunden vier metallene Schüsseln, zwei geschliffene Messer. Eine Schüssel enthielt helles, weichflockiges, leicht salziges Fladenbrot in grob gerissenen grossen Stücken, das Wort Brot erzeugt vollkommen falsche Assoziationen für diese schlichte göttliche Backwerk, eine Schüssel enthielt einen Berg von Zwiebelscheiben, die ohne alle ihre sonst typische verletzende zwiebelige Schärfe waren, vielmehr milde, wie ein junges Gemüse, sanft wie eine späte Birne und doch immer noch ätherisch imprägniert waren. Die dritte Schüssel enthielt warmes Wasser, das nach Zitrone duftete. Die vierte Schüssel schliesslich enthielt einen Berg Hammelfleisch am Knochen in dunkler dicker ambrosianisch schwerduftender moortiefer Sosse. Es blieb nur schweigendes glucksendes Fressen. Ich habe noch und nie wieder besser gespeist wie damals gemeinsam mit Sanjay mit unseren rechten Händen und aus diesen drei Schüsseln, in der vierten reinigten wir unsere Finger. Eine kulinarische Offenbarung. Der sich eine weitere anschloss. Sanjay sprach am Ende: Lass Gutes niemals liegen.

Diese saftige Hammelknochen steht jetzt auf meinem Schreibtisch unter freundlichem Mondlicht wieder vollumfänglich vor mir, wie eine Fata Morgane dem Dürstenden, duftend, fett, materiell. Sanjay sitzt über Eck, seine lebendige Erscheinung. Schlawiner. 28 Jahre später. Eine Zeitspanne, die auch die war, in der die Berliner Mauer existierte, was damals eine Ewigkeit war, heute aber nur Episode ist, wie die, die ich gerade erzählt habe.

Der von Riesengebirgen gerahmte fernste Subkontinent hat ihn niemals verlassen, auch dann nicht, als er später schweren Herzens lange Jahre fernblieb. Als er einmal in einem Band seines geliebten Thakur blätterte, schmitzte ihm Sanjay entgegen:

PFLÜCK diese kleine Blume und /
nimm sie und zögre nicht, ich fürchte, sie /
welkt und fällt in den Staub.

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