Unterwegs. Bad Lauchstädt

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden ;
Der Widerwille ist auch mir geschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Goethe um 1800, Natur und Kunst (1)
(Teil des Stückes, mit dem er 1802 die Eröffnung des Lauchstädter Theaterhauses feierte)

Die „Querfurter Platte“ ist eine Landschaft, die man vielleicht erst richtig zu schätzen lernen weiss, wenn man den Mattheuer’schen Blick erworben hat und durch die Landschaft gleichsam hindurch auf etwas anderes zu blicken versteht. Mattheuer hat sich reichlich an diesen irremachenden Perspektiven des Flachlandes im Südraum von Leipzig und Halle/Sa. bedient, die den Blick andauernd zwischen jetztzeitiger Verkehrsnahsicht und mal eschatologischem, mal nur unbestimmt transzendierendem Ausblick wechseln lassen. Eine – insofern – anstrengende Fahretappe jedesmal.

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Das geht einem in der Landschaft links und rechts der A9 so, die ich als Inspiration für Mattheuers „Hinter den sieben Bergen“ (1973) vermute. Die Querfurter Platte, südwestlich von Halle/Sa., ist dafür ein anderes Beispiel.

Wer wie ich zwei-, dreimal pro Jahr die A38 in Ost-West-Richtung hin- und wieder zurückrast, der hat kaum ein Blick für die vorbeifliegenden Vorwegweiser in die erst sachsen-anhaltinische, dann thüringische Provinz, denn es geht möglichst schnell nach Leipzig oder retour in den tiefen Westen.

Dabei ist die A38 eine geheime Zubringerin und Erschliesserin der Kleinode dieser mitteldeutschen Landschaft, die ihre Jahrhunderte währende politische Zerklüftung zwischen den Dutzenden konkurrierenden Linien der Wettiner Fürsten vergoldet bekommen hat mit historischen Orten, kulturellen Monumenten. Und die schon seit Jahrtausenden durch ihre Wegsamkeit und die Fruchtbarkeit ihres Bodens Zivilisation ermöglichte. Wenn man mit dem Auto etwas langsamer fährt, sieht man die Abzweige nach Eisleben, Frankenhausen, zum Kyffhäuser, Nebra, Merseburg usw. … und nach Bad Lauchstädt. Gestern habe ich für einmal der Vernunft nachgegeben, bin etwas vom Gaspedal gestiegen und spontan nach Bad Lauchstädt abgebogen.

Für jeden, der die Literatur liebt, ist Bad Lauchstädt mehr als nur ein Begriff; es ist ein Topos der geistvollen Sommerfrische, des Zurückbleibens der Amtsgeschäfte hinter den tätigen Musen, der Heilung in mehrfacher Hinsicht. So lernen wir den Ort oder besser: den Begriff zumindest bei Goethe und in der Goethe-Literatur kennen. Aber es war natürlich nicht Goethe allein, der hier für diesen Topos prägsam wurde: Von Friedrich und Lotte bis zu Hegel zählen die Gästebücher. Ein Epizentrum, wenn man so will, der Sattelzeit.

So topisch der Ort als Leser für mich war, so wenig topographisch war er auch. (Auch bei Goethe und anderen habe ich keine Beschreibung des eigentlichen Ortes gefunden.) Die kleinen Siedlungen dieses Mattheuerlandes sind meistens unansehnlich, wirken ärmlich in einem Ausdruck schauderhafter Provinzialität. Ich vermute von jeher, was in merkwürdigem Widerspruch zur kulturellen Bedeutung dieser Landschaft steht. Die schönen Blumen blühen … Vielleicht war das, die Kenntnis dieser Ortschaften dort, der Grund, weshalb ich bisher nicht abgebogen war; vielleicht eine Scheu, mein Leserbild nicht von schnöder provinzlauchstädtischer Realität überblenden zu lassen.

Und richtig, wenn man von der A38 kommend (kaum 5 Minuten) in das Örtchen hineinfährt, umfängt einen die spätwinterliche Tristesse eines 4000-Einwohner-Örtchens dieser verlassenen Breiten. Es liegt am Rande der Querfurter Platte, in einer Senke oder besser gesagt: hingehockt in eine Landschaftsnische. Merkwürdigerweise lösten diese Eindrücke in mir aber eine Art von freudigem Triumph und gar keine weitere Trübsal aus: Hatte ich es doch gewusst!

Und dann, plötzlich, nach ein paar hundert Metern auf der, naja, Hauptstrasse … als ob sich ein Theatervorhang öffnete: Was für ein liebreizender Ort! Wie viel zu schauen! Herrlich.

Schon der Umstand, dass die Herzöge von Sachsen-Merseburg diese Nische als reizend empfanden und hier ihr Wohnschloss errichteten. Bald wurde der Ort touristisch berühmt. Die Kuranlagen hatten schon im frühen 18. Jahrhundert geöffnet, nachdem der dortigen Quelle eine Heilwirkung attestiert wurde – von der nahegelegenen Universität in Halle an der Saale. Der kursächsische Hof erkor das Lauchstädtchen zu seinem Erholungsort. Damit ging es steil aufwärts.

Grosszügige Kuranlagen, die fast schon als grosser Park anzusprechen sind, wurden errichtet, meist in klassizistischer Form, die gut mit dem im Wesentlichen im Stil der Spätrenaissance errichteten Schloss zusammenspielt. Und dann natürlich Goethes Festspielhaus, wenn ich es einmal so nennen darf, im Moment gerade in der Renovierung, wie meine Bilder zeigen.

Hier lohnte es sich gewiss einmal länger zu bleiben, mehr als nur die eine Stunde, die ich gestern hatte. Wie schön und bildsam muss es hier sein, in einer angenehmeren Jahreszeit.

Es gibt den Ort hinter dem Topos.

——
Bilder: Alle Rechte vorbehalten (c) der Autor 2018
(1) Hamburger Ausgabe, Bd. 1, S. 245, Erläuterungen S. 645

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