Chladni, Francke, mein Grossvater und ich

Was haben wir der protestantischen Theologie und Ihrem Sola-Scriptura-Prinzip doch zu verdanken! Nicht nur die epochale Entdeckung des Sehe-Punkts (1), auch, und weiter denkend, die Einsicht darin, dass die persönliche Disposition des Lesenden dessen Verständnis der Lektüre lenkt, hemmt oder fördert. Hermeneutik simply. So zumindest wird bei flüchtiger Beschäftigung oder eiliger didaktischer Zurichtung jeder Dozierende hören lassen, der im stumpf blickenden Vorlesungssaal seine Effekte braucht. Ich habe das vor Jahren auch so gemacht.

Inzwischen macht es mich bei Texten grundsätzlich misstrauisch, wenn die grosse Innovation posaunt wird, weil die doch in allen mir bekannten Fällen nur auf der Müdigkeit beruht, sich und andere seiner unbewussten (bestenfalls!) Referenzen zu versichern.

Als ich am Ostersonntag die etwas ramponierte alte Bibel aus dem Regal gezogen habe, um meine immer emotionalen Eindrücke aus der gerade gehörten Matthäus-Passion zu vertiefen, bemerkte ich, obwohl sich diese Bibel schon seit 18 Jahren in meinem Besitz befindet, erstmals, dass ihr ein Vorwort vom August Hermann Francke beigegeben war, sein „kurzer Unterricht, wie man die Heilige Schrift zu seiner wahren Erbauung lesen solle“. Es handelt sich um eine originale Erstausgabe der „Lutherbibel 1912“.(2) Sonst benutze ich die so genannten ökumenische Einheitsübersetzung (1980), der selbstverständlich kein pietistisches Wort voran steht und deren Bibeltext weniger geeignet ist, um Bachs Komposition nachzuvollziehen. Um es einmal so zu sagen.

Bibel 1912
Lutherbibel 1912

Dass dieser evangelischen Bibel dieser Francke’sche Unterricht vorangestellt worden ist, ist alles andere als ungewöhnlich. Der Text des „Kurzen“ oder ursprünglich „Einfältigen Unterrichts“, dessen Entstehung um das Jahr 1702 anzusetzen ist, gelangte schon seit 1716 in die Ausgaben der 1710 von Francke gegründeten mächtigen Halleschen Bibelanstalt bzw. der Cansteinschen. Sehr bald verdrängte dieser „Unterricht“ die Luther-Vorworte und wurde zum Kennzeichen der evangelischen Bibeln.(3)

Nun, dieses Francke’sche Vorwort hat mich sogleich gefesselt, nicht nur wegen des uns heute provozierenden Titels. Es ist die Familienbibel aus dem Vaterzweig meiner Mutter, der lange in Leipzig ansässig war (bis ungefähr 1900) und dann mit dem sozialen Aufstieg ins Beamtentum nach Zwickau wechselte. Urgrossvater und Grossvater waren dort beide Justizinspektoren am Landgericht.

Nun aber zum Text, zum einen eine Tirade gegen die religiöse und moralische Bigotterie, die morgens oder abends sich von der Jesusgeschichte erheben lässt, ein Tränchen vergiesst, eine Spendchen gibt, aber schon auf dem Weg zum Mittagstisch die absolute Radikalität der Botschaft dieses Lebens vergessen hat. Wie kann man eigentlich weiterwerkeln und weiterhassen, weiterprofitieren und weiterdaddeln, wenn man sich doch scheinbar gerade erst hat ernstlich rühren lassen?

„Wenn eine Einfältiger zu seiner Erbauung in GOtt die Heilige Schrift … lesen will, so

Francke 1702
Franckes Unterricht 1702

muss er … sich mit allem Fleiss davor hüten, dass er nicht etwa einen heimlichen falschen Grund in seinem Herzen habe, oder irgend einen unrechten Zweck, warum er die Heilige Schrift lese. Denn die Schriftgelehrten und Pharisäer lasen auch die Heilige Schrift, und waren doch dadurch nichts gebessert. (…) Ein falscher Grund aber und unrechter Zweck ist es, wenn man die Heilige Schrift lieset entweder zum bloßen Zeitvertreib und weil hier und da einige Historien darinnen sind, daran sich auch ein natürliches Gemüt einigermaßen ergötzet; oder, wenn man das Lesen der Heiligen Schrift als ein bloß äußerliches Werk treibt, gleichsam voraussetzt, daß man schon gar fest in seinem Christentum stehe, und als zum Überfluss die Gewohnheit frühe und abends hält, das eine oder andere Kapitel zu lesen, und meinet dann, man habe dadurch dem lieben Gott ein sonderlich gutes Werk dargelegt, wie also viele Menschen sich damit trösten, daß sie fleißig Gottes Wort lesen, deren Sinn und ganzes Leben mit dem Wort Gottes doch im geringsten nicht übereinstimmt; oder, wenn man nur zu dem Ende die Heilige Schrift vor sich nimmt, daß man schriftgelehrt werde, und vieles Wissen erlange, darunter sich denn Eigenliebe, Ehrsucht und allerlei andere pharisäische Laster zu verbergen pflegen. (…) Wo einer nun diese obberührten oder sonst dergleichen falsche Absichten in seinem Herzen hat, warum er die Heilige Schrift lieset, der kann mit aller seiner Schriftgelehrsamkeit in den Abgrund der Hölle verdammet werden, wenn er gleich die ganze Schrift auswendig lernte.“

In jeder evangelischen Bibelausgabe steht seit 1716 wie eine Mahnung Franckes „Unterricht“. Wenn man sich heute oft darüber beklagt, wie leicht etwas weggeklickt werden kann – nun, das Überblättern war offenkundig auch nicht schwierig.

Die Familie meines Grossvaters war früh bei den Nazis, als Justizbeamte waren sie dazu auch ein Teil des Machtapparates, die frühen Verhaftungswellen gegen Kommunist_innen, Gewerkschafter_innen, Sozialdemokrat_innen haben sie beobachtet, „von Amts wegen“ mitbetrieben, die politische Schweigsamwerdung der aus Böhmen zugewanderten und der KPD nahe stehenden Familie der neuen Schwiegertochter (meine Grossmutter) war offenkundig, hat aber anscheinend nicht gestört, die Enteignung, Vertreibung, Verhaftung, ominösen Verschickung der jüdischen Nachbar_innen war Stadtgespräch, insbesondere die Enteignung des ersten Kaufhauses am Platze, des Kaufhauses Schocken. Stammsitz eines der neuen Warenhaus-Konzerne des 20. Jahrhunderts, Entstehungsort der heutigen Kaufhof AG. Meine Grossmutter erzählte mir noch in meiner Kindheit, wenn wir an diesem Gebäude vorübergingen, diese Geschichte. Schocken war Zwickauer Lokalstolz.

Und dann ging man jedes Wochenende mit dieser Bibel in der Hand in die Kirche, diese Bibel war bei der Taufe der Kinder, meiner Mutter und Tante anwesend. Sie ist abgenutzt, weil sie intensiv im Alltag gebraucht wurde.

Das ist nur eine extreme Spannweite dessen, was Francke und den Pietist_innen offenbar schon im im 17. Jahrhundert als Abgrund sehr fühlbar war. Die groteske Koexistenz der christlichen Botschaft in dieser heraufziehenden westlichen Moderne mit ihren Grausamkeiten, Bosheiten, Ungerechtigkeiten für viele, zugleich ihren Blüten, Schönheiten und Lebensgewinnen für relativ wenige. Diesen Abgrund mit einem Vorwort zu schliessen, das war ein ehrenwerter Versuch Franckes … der mich am Sonntag berührt hat. Wie vielleicht auch schon meinen Grossvater? Aber das weiss ich nicht.

Und im Übrigen war der ehrenwerte Versuch auch kein neuer. Denn auch schon lange vor Francke, Thomasius, Chaldni und den anderen wusste man doch längt um die Perspektivität jeder kulturellen Erkenntnis. Und man meinte auch zu wissen, wie man der moralischen Bigotterie, der Koexistenz der radikalen christlichen Botschaft und einer differenten kirchlichen und gesellschaftlichen Realität steuern könnte. Franckes auf die Analyse folgende 6 kurzen Kapitel zur „richtigen“ Bibellektüre sind nicht viel mehr als eine Wiedererfindung der sogenannten Lectio Divina wie sie in der Scala claustralium des Guigo wahrscheinlich zuerst ausgefaltet worden ist, so um 1150 u.Z.

 

Literatur

  • Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Durchgesehen nach dem von der Deutschen evangelischen Kirchenkonferenz genehmigten Text. Groß-Oktavausgabe. Dresden: Sächsische Haupt-Bibelgesellschaft, (1912).
  • Johann Martin ChladniEinleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Leipzig, 1742.
  • Johannes Wallmann: Vom Katechismuschristentum zum Bibelchristentum. Zum Bibelverständnis im Pietismus. In: ders.: Pietismus-Studien. Tübingen: Mohr Siebeck, 2008, S. 228-258.

 


(1) Chladni 1742, § 309: „Diejenigen Umstände unserer Seele, unseres Leibes und unserer ganzen Person, welche machen oder Ursache sind, daß wir uns eine Sache so und nicht anders vorstellen, wollen wir den Sehe-Punkt nennen. Wie nämlich der Ort unseres Auges, und insbesondere die Entfernung von einem Vorwurf, die Ursache ist, daß wir ein solches Bild und kein anderes von der Sache bekommen, also gibt es bei allen unseren Vorstellungen einen Grund, warum wir die Sache so und nicht anders erkennen: und dieses ist der Sehe-Punkt von derselben Sache.“
(3) Wallmann 2008, S. 247.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s