Zwischen Köln und der Stadt K. sass Sigrid (Name geändert) neben mir. Ein bisschen tüttelig, umständlich, unsicher, noch nicht so richtig alt, dachte ich kurz, während ich Nabokov las. Linkisch.

Ich hatte ihr den schweren Koffer mit dem bunten weichen Tuch, das um den Handgriff geschlungen war, in die Ablage gehoben und den für sie reservierten Fensterplatz von Tasche, Thermoskanne und Unterlagen freigeräumt. Wie über eine gefährliche unbekannte Schlange stieg sie über das lange Ladekabel meines Handys. Positionierte ihren Körper mit den langen Armen und Beinen zwischen mich und das hermetische Fenster des Schnellzuggrossraumwagens. Sie duftete angenehm, etwas mit Veilchen.

Es war für Anderhalbstunden ein fast amouröses Spiel zwischen ihrer emanierenden freundlichen Einsamkeit, die unverkennbar auf Austausch ging, und meiner notorischen, aber leicht korrumpierbaren Geheimmiesepetrigkeit. Immer mal eine anrührend naive Frage von ihr wie die, ob ich mit dem „Aufgeben“ eines Koffers bei der Bahn Erfahrung hätte oder ob immer so viele Menschen mit der Bahn unterwegs seien. ich behielt mein Büchlein in der Hand, gab ihr so knapp als möglich meine Auskunft, nein, hätte ich nicht, ja, auf dieser Strecke schon usw. Gemeinsam – so etwas spürt man doch – ärgerten wird uns über einen dieser penetranten geschäftlichen Freisprechanlagentelefonierer, die wie 27.5 aussehen, aber offenkundig schon halbe Konzerne steuern, über Freisprechanlage, aus der 2. Klasse der Deutschen Bahn. Meine These ist, dass diese Menschen eigentlich das Auto benützen, dort telefoniert man in diesem durchdringenden Tonfall über Freisprech, und auch sonst ihre Hühnerbrust gerne aus dem Oberhemd schauen lassen. Aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache oder nur insofern, dass ich glaubte wahrnehmen zu können, dass Sigrid die gleichen bösen Gedanken hegte. Das verband uns. Mein Kontaktwiderstand, der sowieso auf dünnen neugierigen Beinen steht, sackte in sich zusammen wie die SED-Herrschaft im November 1989. Noch eine gute halbe Stunde bis K.

Sigrid, also. Schwerzüngiger provinzrheinischer Dialekt. Aus einem Dorf bei Düren. Wer das Herz auf der Zunge trägt, hat einiges zu bewegen. Sigrid hat ihren späteren Mann mit 15 kennengelernt und mit 20 geheiratet. Sie ist 1963 geboren, (wie meine verlorene Schwester, dachte ich kurz), ihr Vater starb als sie 20 war, mit 42, sie war dabei, ein Aneurysma, starker Raucher. Sie hat zwar ein Auto, benützt es aber nur im Dorf, weil sie mit dem Mann immer nur mitgefahren ist. Das könne sie doch niemandem zumuten, sie auf der Autobahn und lacht etwas hohl in sich hinein. Sie hat sich um den Haushalt gekümmert und hatte eine halbe Bürostelle, es war auch einmal eine Ganze, aber das war ihr zu viel. Kinder habe sie keine, nach einer kurzen Pause setzt sie ein „leider“ hinzu. Ja, heute, da könnte sie nicht mehr mithalten im Büro, klar, so am Computer das Nötige machen, aber das reicht oft nicht mehr. Fortbildungen, dafür wäre keine Zeit gewesen.

Warum?

Sie hätte ihren Mann pflegen müssen. Mit 41 Jahren hat der seine Diagnose bekommen, eine spezielle Demenz und Parkinson. Das war natürlich schlimm für so einen Mann, sagt sie. Bald vermochte er nicht mehr zu arbeiten, sie pflegte ihn, neben ihrer halben Stelle. 100 Kilo wog er, sagte sie, und mir schien, dass sei nur eine kategoriale Einordnung dieses gewaltigen Körpers gewesen. Die Krankheit schritt fort, sie schaffte es nicht mehr allein, er brüllte nachts vor Schmerzen, er musste in ein Pflegeheim, die gemeinsamen Freunde hatten dafür kein Verständnis, wandten sich unter Vorwürfen von ihr ab. Ihr Bruder starb früh vor ein paar Jahren. Im letzten Jahr begleitete sie ihren Mann in seinem langen Sterben. Abgemagert wie ein KZ-Häftling, sagt sie. Elendig verhungert, der grosse Mann. Aber bis zum Schluss erkannte er sie.

Nach einiger Zeit ermannte sie sich, buchte eine Pauschalreise nach Fuerteventura. Dort lernte sie eine nette Frau kennen, mit der sie sich angefreundet hat. Heute sass sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem ICE, mit ihrem schweren Koffer, um dessen Handgriff dieses wunderbar weiche farbige Tuch geschlungen war, um diese Freundin in K. zu besuchen. Der Veilchenduft hängt noch immer über dem leeren Sitz neben mir.
Als ich ihr zum Abschied noch 30 glückliche Jahre wünschte, lachte sie nur und winkte ab, das wolle sie auf keinen Fall, sie habe auch ihre Schwiegermutter pflegen müssen, als sie so alt war. Also, das wolle sie nicht.

OK, sagte ich, dann gehe ich auf 20.

Sie lachte still in sich hinein. Bedankte sich Hundertausendmal für das Herunterheben des Koffers und die Begegnung.

Ich konnte das nur erwidern. Viel Spass, sagte ich noch.

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Ein Gedanke zu “Sigrid

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