Wie alt dieses Porzellanservice ist? Keine Ahnung. Es wurde stets in Ehren gehalten – wenn auch für besondere Gäste immer wieder zum Tee benutzt, Reste von Teeschleier finden sich in Ritzen und Ecken. Seit heute steht es endlich bei mir im Regal, nach einer kleinen Odyssee durch Mitteleuropa. Kennen tue ich es, wie man so spricht, seitdem ich mich erinnern kann.

Als kleiner Junge stand ich immer wieder lange und mit geweiteten Augen staunend vor Ömis dunklem riesigen Wohnzimmerschrank, auf dessen Dach eine altertümliche und zugehörige Uhr tickte, die Charlotte, meine geliebte böhmische Ömi (1912-1995), morgens immer aufzog, ratsch-ratsch-ratsch mit Federenergie ludt, mit schwerem Messingschlüssel, auf den ausklappbaren zweistufigen Küchenhocker gestiegen, den sie mal im HO-Warenhaus, früher Schocken [Fussnote], ergattert hatte, und der (der Schrank) im Mittelteil aus einer Vitrine bestand. In diesem (abschliessbaren) Vitrinenteil (der zugehörige Schlüssel wackelte etwas im Schloss und ging schwer, wenn sich der Junge streckte, war er nicht ausreichend zu bewegen) waren Ömis geliebte Jugendbücher (die mir nicht nur aus Altersgründen verrucht und fremd erschienen) und – dieses Teeservice. Ich bekam es nie in die Hand.

Nach Ömis Tod kam das Service nach Delitzsch (100 Kilometer nordwärts durch Sachsen) zu ihrer älteren Tochter, die meine liebe Mutter ist. Dort stand es ebenfalls im Vitrinenteil einer holzedlen Schrankwand, was mit das erste Grosse war, was sich meine Eltern für D-Mark gekauft hatten. Es hat Wurzelholz sein müssen, sündhaft teuer. Warum? Weil mein aus Berlin stammender Vater seinerseits einen Vater hatte (1876-1954), soweit klar, der jedenfalls einstmals in Tiergarten gewohnt und und mit einem jüdischen Partner eine Möbelfabrik in Lichtenberg betrieben hatte, die auf die Massherstellung von Wurzelholzschränken spezialisiert worden war, lange sehr einträglich. Das Berliner Bürgertum! Die beiden wurden 1934/35 enteignet, man wollte das Geschäft partout nur zusammen führen. Die Enteignung wurde dann aber zur lebenslangen Enttäuschung meines Grossvaters, Gustav Adolf Hermann D. hiess er, der als Sozi von den Nazis aber ohnehin nie was gehalten hatte, was ihm aber nichts nützte, auch nicht die grussverweigerungsbedingte Ohrfeige von einem Uniformierten im Tiergarten, in Gegenwart seines 4-jährigen Sohnes (1939). Dass diese Nazis ihn einfach so enteignen würden, hätte er 1935 nicht für möglich gehalten. Was hält man nicht alles für nicht möglich, was dann wirklich wird! Ebensowenig wie diese öffentliche Ohrfeige etwas später. 1943 ausgebomt, alles verloren, nach Ostpreussen evakuiert, von Ostpreussen geflohen, in einem Dorf an der Elbe hängengeblieben, dort bis zum Ende im oberen Geschoss einer Scheune ablebend – mit Grete (1897-1981) und meinem Vater, allesamt stolze Berlinpolen mit Vergangenheit, aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zum Service. Es ist japanisch beschriftet am Boden der einzelnen Teile. Mehr weiss ich eigentlich nicht darüber, ausser dass es einen unerhörten Einbruch in meine 70er-Jahre-DDR-Kindheit verkörperte. Fernweh. Reisen im Stehen auf Zehenspitzen. Auf der Teppichkante vorgebeugt. Möbelpolitur in der Nase.

Eigentlich, habe ich geschrieben. Verdächtiger Ausdruck. Es, das Service, kam 1945 in die Familie. Grossvater Hans (1911-2002) war noch in Gefangenschaft. Ömi hatte allein die 1-jährige Ute und die 5/6-jährige Christine durchzubringen. Sie wohnten noch am Rande der Stadt (Z-Marienthal, Steinpleiser Strasse), das gab ein kürzeren Weg zum Stoppeln im Herbst und zum Abklappern der Dörfer und Dörfler, um Werthaltiges gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Ömit hatte nun eine ältere Nachbarin, Witwe, die zu diesen Touren nicht mehr in der Lage war, leider kenne ich ihren Namen nicht mehr, also versuchte sie, sie – soweit möglich – mitzuversorgen. Dieses Teeservice ist das Dankeschön dieser Nachbarin. Und das erklärt vielleicht auch, dass es (in aller Zweifelhaftigkeit seines materiellen Wertes) bei uns in dritter Generation wertgehalten wird.

2 Gedanken zu “Service

  1. Eine brutale Weltgeschichte verbunden mit einem bis an den Rand durch Empathie, Respekt und Dankbarkeit für die Vorfahren gefüllten Teeservice – danke für die (wie immer) souverän erlebte, erinnerte und erzählte Geschichte!
    Vielleicht wundert das Teeservice sich über den Umzug von einem Wurzelholzmöbel in ein Billy(?)-Regal?

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