Eigentlich wollte ich auf Nachfrage heute nur rasch einen frühen Text von mir online stellen, der trotz seines etwas abgelegenen Publikationsortes offenbar in Hochschulseminaren noch immer seine Verwendung findet. Das wäre eine Erleichterung. Einmal online, teilt man auch den Link, to whom Ethikdidaktik may concern. Auf Twitter ist das rasch gemacht, auf Facebook … fängt man doch an, den Text etwas vorzustellen. Ja, und dann weitet sich das aus. Bevor ich also etwas zum Aufsatz sagen kann, musste noch mehr gesagt werden …

Von Hause aus bin ich unter anderem studierter und ausgebildeter Philosophie- und Ethiklehrer (ja gut, staatlich geprüfter Tankwart und Filmvorführer auch, das spielt aber hier und heute gar keine Rolle! … Ich habe auch noch so lustige Ausweise dazu …).

Nun, es ist deshalb vielleicht gar nicht verwunderlich, dass einer der ersten von mir publizierten kleinen Texte sich der, wie ich damals fand, fundamentalen Misere des Ethikunterrichts gewidmet hat. Der Text geht auf einen Vortrag in Leipzig aus dem Jahr 1999 zurück. Verwunderlich ist eher, dass ich als Berufshistoriker seit 2016/17 wieder mit diesem Thema befasst bin, denn ich regele seitdem hier in den Nordwestschweizer Kantonen zusätzlich auch die Ausbildung der Ethik- und Religionslehrpersonen. Ich bin ja auch studierter Religionswissenschaftler. Das passte dann in den Augen der Verantwortlichen schon.

Zwei Hintergründe sind vielleicht interessant, weil ja hier zurzeit endlich über die 1990er Jahre in der Post-DDR gesprochen wird.

A
Die in der beliebten Doppel-West-Kombination von schwarz-traditional (Biedenkopf) und neoliberal (Milbradt) daherkommende Staatsregierung in Sachsen, die keine Gelegenheit ausliess, die totale politische Alterität der neuen Herrschaft zu inszenieren, betrieb im Schulwesen eine, sagen wir: pragmatische Linie.

Man garantierte allen Lehrpersonen des DDR-Schulsystems Weiterbeschäftigung, wenn diese im Gegenzug Gehälter akzeptierten, die weit (ich meine: weit!) unter dem lagen, was man für die gleiche Tätigkeit andernorts zu zahlen bereit war. Wessen Stasi-Zuträgerei aufgedeckt wurde, der wurde entlassen. Das war’s dann aber auch. Da aber nun bestimmte Schulfächer gar nicht weiterexistierten, wie z.B. die Staatsbürgerkunde und der Wehrunterricht (MPi seit 15), aber auch so interessante Ansätze wie Werkunterricht, Schulgartenunterricht, Einführung in die sozialistische Produktion (ESP: u.a. Programmieren lernen!), Technisches Zeichnen, Praktische Arbeit (PA: Drehen, Mauern, Elektroinstallation, Metallverarbeitung etc. lernen) … wegfielen, gab es plötzlich eine Menge unterbeschäftigter Lehrpersonen. Die zu versorgen, also mit Arbeit, wurde nun zum natürlichen Ziel der reeducierenden Staatsregierung.

1992/93 wurde in Sachsen der Ethikunterricht eingeführt, warum?, das kann man unten im Text nachlesen, jedenfalls begründete man dann auch einen entsprechenden Lehrerausbildungs-Studiengang an der Universität Leipzig. Da man mir gerade meine Indologielehrer*innen abgewickelt hatte, und ich nicht recht wusste, was jetzt werden solle, wechselte ich auf Anraten des von mir bis heute verehrten Buddhologen Heinz Mürmel ins Philosophiestudium mit der Seitenoption des Lehramtes.

Das Philosophiestudium hatte damals bundesweit eine Absolventenquote von 7%, wenn ich mich richtig erinnere, schnell merkte ich auch, warum das so war. Meine Rettung waren Spinoza und Ulrich Johannes Schneider und ein studentischer Lesekreis, aber das führt weg vom heutigen Thema.

Die Sache war nämlich die, dass meine wenigen Kommilitonen und ich uns mühsam und unter Einsatz unserer geistigen Unversehrtheit in die Texte stürzten, wir dann aber in vielen Seminaren der Jahr um 1993 auf Menschen des Typus „DDR-Lehrer*in“ stiessen, die wir eigentlich glaubten, als einen schlechten Traum hinter uns gelassen zu haben. [Ich berichte das.]

Besonders verblüfft von diesen Menschen waren meine Kommilitionenfreunde aus dem Westen, so viel DDR-Empirie war ihnen dann doch zu viel. In den Seminaren prallten Welten aufeinander. Diese Lehrer, die also durch den Zusammenbruch eines ihrer Fächer verloren hatten, wurden in Crashkursen mit geringer Anforderung zu dem Diplom geführt, für das uns 15 Staatsprüfungen abverlangt wurden. Wer waren diese Lehrerinnen? Es waren durchgehend, soweit von mir gesehen, ehemalige Staatsbürgerkunde-Lehrkräfte. Was für eine Ironie! (was im Übrigen auch für die völlig umstandslose Weiterbeschäftigung der Geschichtslehrer*innen galt).

Wer nach den Ursachen für die Haltungen und Denkweisen der Nachwendegeneration sucht, sollte dabei deren damalige Lehrpersonen nicht ausser Acht lassen. Deren Grundhaltung war nämlich notwendigerweise extrem defensiv und opportunistisch. Sie waren korrumpiert in ihren Gemeinden, ihrem Umfeld. Jeder wusste, was sie zuvor unterrichtet hatten, keiner glaubte ihnen irgendetwas, schon gar nicht die „Ideologie des Klassenfeindes“. Ich selbst hatte im Mai 1989 die Schule abgeschlossen und also noch im Kalten Krieg verlassen; mir blieb der Besuch des Theaters des kollektiven Halswendens erspart, froh war ich oft, diesem kulturellen und tragischen Elend, dass die Jüngeren miterleben mussten, nicht beiwohnen zu müssen.

Also … während ich diesen Lehrern also unfrei- und widerwillig wiederbegegnete, verkündete der damalige Kulturminister Matthias Rössler, ein Aufsteiger aus dem „DA“, dass in den nächsten 15 Jahren kein Absolvent an einem sächsischen Gymnasium angestellt werden könne. Dieser Zynismus hat sich tief in mir eingegraben.

B
Was war also zu tun? Studieren, solange es ging. Studium in vollen Zügen geniessen. Das ging aber nicht endlos. Gut, es gab die, bei allen freundlichen Angeboten verschiedener Fürsten, am Ende völlig unsicheren Aussichten einer wissenschaftlichen Karriere.
Mit drei Freunden, Henning Tegtmeyer, Peter Heuer, Sarah Schmidt und Alexander Ausmeier, gründeten wir aus unserem philosophischen Lesekreis heraus … ja, was? Am Ende schwebte uns eine philosophische Praxis vor. Wir engagierten uns also an der VHS, wir führten Philosophieseminare in der Toskana mit Arztgattinnen durch, wir gründeten eine Zeitschrift (Philokles) und begannen, Vorträge und Tagungen in Leipzig zu organisieren.
So, eine, die erste nun davon, war 1999 diejenige, die im ebenfalls ersten Beiheft von Philokles publiziert wurde. Darin mein kleiner Aufsatz.

Nebenbei: Philokles trägt der Untertitel: Zeitschrift für populäre Philosophie. Diese Ausrichtung darf ich mir wohl schon zugute schreiben. Es war der gleiche Impetus, der mich seit Jahren zur Public History führt.

Der Text selber, „Sittliche Elementarbildung statt Ethikunterricht“ (erschienen 2001), verfolgt, wie mir scheint, eine noch immer relevante Fragestellung:
Wie lässt sich das Lernpotential von schulischem Ethikunterricht kohärent erfassen, ohne diesen zu überfordern und zweckzuentfremden? Unproblematisch? Keineswegs, und zwar weder bei der Begründung des Fachs noch in seiner weiteren Ausformung, so argumentiert dieser Text und setzt den herkömmlichen Konzepten ein radikal erscheinende andere Option entgegen. Diese Option ist, ich gestehe es, nicht zuletzt von meiner Pestalozzi-Lektüre und meinem Pestalozzi-Verständnis getragen.

Natürlich dachte ich beim Vortragen und Schreiben damals an diese Transitions-Lehrer*innen an den Schulen der Post-DDR. Diese schienen mir im Ethikunterricht dessen grundsätzliches Problem nur auf die Spitze zu treiben, sie waren ebenso besondere wie exemplarische Fälle dieses fachlichen Selbstmissverständnisses.

Nun, gerne mache ich also mit dem Text bekannt – quasi zur Vervollständigung meines Autorenbildes.

–> Hier gehts zum Text auf Humanities Commons.


Beitragsbild: Am Brühl, 00er Jahre – PercyGermany via Flickr

4 Gedanken zu “Tief in den 90ern. Ethik im Osten

  1. Lieber Autor,
    ist das Problem der „Transitionslehrer“ im Ethikunterricht nicht vielleicht nur der Wahrheit geschuldet, dass einfach zu viele Mitglieder der real existierenden DDR-Gesellschaft ein Vergangenheitsproblem hatten? Welche personellen Alternativen hätte es denn gegeben?
    Dabei fällt wohl auf, dass der Begriff „Ethik“ nicht so recht zu dieser Realitätsakzeptanz unter Biedenkopf und CO passt. Allerdings scheint mir dieser Begriff inzwischen nirgendwo in der Bundesrepublik gut zu passen. Was ist schon „ethisch“ an einem Fach, das per se nur als Ersatz und damit zugleich als Rettungsanker für den nicht mehr real unbestrittenen Konkordats-Reli-Unterricht eingerichtet worden ist? So ein Fach musste sich ja 1990 auch anderweitig, nämlich als Abwicklung anderer überflüssig gewordener Realitäten, als nützlich erweisen. Dabei ist es schon fast egal, ob dieser „unethische Ethikunterricht“ nun in Sachsen nach 1990 erfunden worden ist oder ob er bereits selbst ein „biedenkopfscher Westimport“ war. Bemerkenswert ist immerhin, dass seine spätere Wirksamkeit als „nützlicher Reimport“, jedenfalls aus NRW-Sicht lässt sich dies sagen, gerade beim Erhalt alter religiöser Praktiken in den Schulen heute unbestritten ist. Ganz ein sächsisches Kind – doppelt gelungen: schließlich dürfen mittlerweile so einige Ethiklehrer, die ihr Handwerk in den 1990er Jahren in Sachsen lernten, ihr „nützliches“ Können in den westlichen Bundesländern praktisch anwenden. Nicht nur das Konzept ging also in den Westen zurück.
    Beste Grüße

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    1. Zu Ihrem ersten Punkt: Das Problem war doch, dass man die desavouierten Lehrpersonen ohne Skrupel weiterbeschäftigte, zu miserablen Bedingungen wohlgemerkt, und den neu ausgebildeten, zu besseren Konditionen anzustellenden Lehrpersonen den Weg in den Schuldienst versperrte.

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