Bücher kommen auf den Tisch geflattert, viele. Dieses hier flattert allerdings immer weiter um meinen Kopf herum, es liegt mir immer noch nicht vor wie ein Verwaltungsakt im Faszikel dem späteren Historiker, es kommt nicht zur Ruhe. Als Freizeitleser würde ichs mir eigentlich wünschen, dass auf Horizonterweiterung und Erhebung die Beruhigung folgt, …

… also das Wegregalieren oder dankende sonstige Entsorgen. Hier geht es bisher nicht. Deshalb ist es vielleicht auch für andere interessant, wenn so ein unerwarteter Widerstand gesucht wird.

Schauplatz dieser Erzählung ist das Grenzland zwischen (offenbar) Dresden, dem ehemals deutschsprachigen böhmischen Mittelgebirge und Tschechien mit seinen vielfachen verschlungenen Wechselbezügen entlang der oberen Elbe und ihrer Wege. Die Zeit der Handlung ist noch weniger klar zu bestimmen, die „guten alten“ beiden Vorkriegszeiten?, die sozialistische Einsperrung oder eine ältere Gegenwart, es geht alles ineinander über, und das tut es in vielen Dingen vielleicht auch wirklich. Mal ist die Anmutung stärker Belle Époque, mal Nachwende, mal habsburgianische Milddiktatur. Die meisten Figuren tauchen wie Geister immer wieder auf. Ein „EP“ jedenfalls ist die Hauptfigur, an deren Innenleben uns der Autor teilhaben lässt. Alle anderen sind eher Schemen, Projektionen oder plötzlich, etwas von echt, dei ex machina. Die Ontologie von EPs Gegenwart bleibt fraglich. Die ebenso verwirrende wie dialektische Doppelung aller Maße und Gewichte, Ämter und Stile ist ganz dem Prag nachempfunden, wie es das bis 1938 gab. Böhmen und Mähren, Wenzelskrone.

Der Stil des Textes ist gedrungen, kein Wort zu viel (eher vielleicht zu wenig manchmal). Kurze Hauptsätze regieren die Sprache. Es ist so ernsthaft, so gediegen, so grammatisch klar. Anfangs etwas ermüdend, bevor man dem Autor auf die Schliche kommt. Erst am Ende habe ich verstanden, welche Spannung sich aus diesem Stil im Verhältnis nicht nur zum Inhalt, sondern auch zum Kern dieser Erzählung ergibt.

Die Frage des richtigen Maßes, es geht um einen geteilten Berg, bestimmt am Anfang den Erzählrahmen, das Geschehen verlagert sich dann in ein großes Amt, dann in ein Hospital, dann einen Turm (ohne Turm geht nix in dieser Gegend). Autos werden gefahren, die altertümlich großräumig zu sein scheinen, Distanzen in Stunden werden behauptet, die realistisch die Erzählregion abbilden. Überhaupt ist alles so, wie es im Analogozän war und zu sein hatte (inclusive der frühen EDV), alles auf langen Erhalt gebürstet und gepflegt, immer etwas Möbelpolitur und Bohnerwachs in der Nase und immer auch die unzähligen Abstufungen des Alkoholismus. Zigarettenrauchfluidum fehlt etwas in der Erzähllandschaft, scheint mir. Aber darum geht es dem Autor offenkundig nicht.

Er wirft den Leser zwischen die Zeiten, ohne ihn in seiner Gegenwart ankommen zu lassen. Er nimmt ihm beständig Lesegewissheiten, die Achsos versickern irgendwann, ganz am Ende scheint ein Aufwachen zu stehen, aber auch das bleibt unsicher wie der erste Blick nach einem ordentlichen Schuss beseligendem Propofol.

Deutet diese kurze Erzählung auf mehr, wie Joe Paul Kroll schrieb? Für mich nicht. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es eine Einladung zu einem Höllensturz in das kollektive Gedächtnis dieser oberelbischen literarischen Region. Man sitzt, wenn man denn Platz ergreift, in einem Wägelchen einer diabolischen Achterbahn. Wir dürfen Teil und Einblick nehmen, in etwas, das vielen Menschen des Rheins oder der Donau durch und durch rätselhaft geblieben ist.

Dabei ist diese Erzählung angenehm anspielungsarm, wenn es um die politische Gegenwart geht. Den Einsturz der Carola-Brücke lasse ich mal beiseite, er ist hier eher Naturphänomen, Landschaftsaspekt. Man kann aus dieser Region auch ohne Agenda schreiben. Gespielt wird nur etwas hintergründig mit Bulgakow, Kafka, Ovid, Eco und popkulturellem Schnickschnack. Wer möchte, sieht sowohl eine ungarische Autobusmarke wie eines der Bilder Wolfgang Mattheuers zugleich vor sich. Solche Spiegelungen durchziehen die Erzählung, wie sie eben auch die besondere Unordnung des kollektiven Gedächtnisses durchziehen, das vielen mal so provokativ, mal weinerlich, mal hochfliegend vorkommt. Aus dieser Erzählung kann man lernen, dass es den Trägern dieses kollektiven Gedächtnisses wohl ebenso geht. Das erscheint nicht nur den gutwilligen Beobachtern so.

Nun, wenn das nichts ist!


Rico Kronenberg. Das Ministerium. Erzählung, Dresden: Edition Poschlost, 2025, 66 Seiten.

Zur Verlagsseite: http://edition-poschlost.de/buecher/das-miisterium-rico-kronenberg/

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