Jan Mohnhaupt hat ein ungewöhnliches und weitgehend wohltuend sachlich gehaltenes Buch über das geschrieben, was die einen so, die anderen anders nennen: die deutschen Jahre 1989-92.
Er wählt dazu eine für einen Bochumer ungewöhnliche Perspektive, …
… nämlich die der Akteure des Fussballs in der DDR, später des Beitrittsgebiets: Sportfunktionäre, Sportjournalisten, Übungsleiter, Sportler, auch Familienangehörige. Geschrieben wird allerdings nicht in falscher Aneignung der historischen Personae, sondern als stiller, redlicher Beobachter in einer Fremde.
Man wird das Buch nicht am Stück wie einen Tolstoi oder Flaubert lesen können, es verlangt einem etwas ab, nämlich den Nachvollzug der Perspektive des Autors. Portionsweise zwischendurch kommt es gut. Nun, heute habe ich es jetzt durchgelesen: Es ist auch kompositorisch ein interessanter Ansatz, denn beinahe minutiös geht man über die Schilderung der vielen einzelnen Spiele und ihrer Randumstände in diesen Jahren. Die Darstellung springt ähnlich wie bei einer Samstagkonferenz von Ort zu Ort. Es entsteht dabei, wenn man so will, eine Nationalgeschichte im Hinterhof, in der an eigentlich belanglosen Sportereignissen mit relativ wenigen und sehr oft marginalisierten Zuschauern doch auch grosse und wesentliche Zusammenhänge dieser außerordentlichen Zeit deutlich gemacht werden können. Das hat mir gut gefallen, es entspricht auch meinen erzählerischen Überzeugungen, und hat mir am Ende, aus fremder Feder daherkommend, neu eingeleuchtet. In menschlichen Schicksalen realisiert sich alles Abstrakte, es zeigt sich dort fassbar, und der Leser, wann immer er auch liest, wird auf seine eigene Lebenserfahrung zurückgeworfen.
Wie der Autor heute war auch ich in meiner Kindheit und Jugend ein Anhänger des 1. FC Magdeburg. Wie wird man das eigentlich (fragt sich übrigens auch der Autor)? Zumal um mich herum alle leidenschaftliche Fans des blau-gelben 1. FC Lokomotive Leipzig gewesen waren. Bei mir war es so, das ich am 8. Mai 1974 neben meinem Vater auf dem Sofa sitzen durfte und Zeuge des Europapokalsiegs Magdeburgs gegen des AC Mailand in Rotterdam wurde. Zack, unüberlegt, erledigt, irgendwie tief im Herzen für alle Zeiten: Anhänger.
Für mich persönlich, nicht als Fachmann der Zeitgeschichte, sondern als Zeitzeuge, war es emotional eine ambivalente Lektüre, dieses Buch von Jan Mohnhaupt. Von vielem konkret Fussballerischen las ich tatsächlich zum ersten Mal, weil ich schon mit 16-17 aufgehört hatte, mich intensiver mit Fussball zu beschäftigen, anderes hatte mich völlig in den Bann gezogen und schon spätestens 1987 war eminent spürbar, dass man sich einem Schnittpunkt beschleunigten Wandels näherte. Etwas von einem Umsturz aller Verhältnisse lag in der Luft. Fussball versank da zu einer merkwürdigen Nebensache, zu etwas aus der Zeit gefallenem, das einfach weiterlief, auch wenn sich um die Oberliga herum erst schleichend, dann rasant alles veränderte.
Der Autor stellt sein Buch am 11. März um 19 Uhr in der Bücherei Neues Landgut, Laxenburger Str. 4/1A, 1100 Wien vor. Ich werde dann auch vorbeischauen.
