Das ist kein Roman, der zu irgendeiner Erheiterung beitragen könnte. Unterhalten möchte man sich nach dem Lesen, nicht dabei. Für die meisten Leserinnen und Leser kann dieser erzählerische, berichtende, analysierende Text …
… ein exotischer Tauchgang sein zur Besichtigung von bunten Fischen und scharfzackigen, gefährlich buntschillernden Korallenriffen voller verborgener kleiner Höhlennischen mit irritierenden Behausenden, für die zusehends aussterbende Gruppe der einstigen Fußnotenbewohnenden ist es eine strapazierende Reise in die Urgründe der eigenen Lebenserfahrungen und den unumgänglichen autobiographischen Reflexionsversuchen. Alle wollen sie damit eigentlich nichts mehr zu tun haben, alle bekommen es dauernd damit zu tun, gewollt, meist ungewollt. Es tritt ihnen als fremdes Gespenst entgegen, sucht sie heim, was als Untotes zum bestärkenden oder entertainenden Grusel der anderen an seiner untoten Existenz gehalten wird.
Henry Sapparths neuen Roman „Berts Irrfahrt um’s Glück“ habe ich schließlich in einem Zug gelesen, nachdem die übliche portionierte Lektüre neben den vielen Alltagsgeschäften nicht gut ausgegangen ist. Man muss sich in einer Ausschließlichkeit einlassen auf dieses Buch, dass vor lauter Gerüchen und Haptik und Lauten (obwohl es nicht zuletzt um Klänge geht) aus einer Leipziger Neubauwohnung, aus dörflicher Umgebung an der Unstrut, aus heutiger Krankenhausluft, aus Berliner DDR-Büros, aus dem Palast der Republik, aus Flugzeugen und aus einer Zürcher Hangwohnung mit Aussicht und gediegener Bürgerlichkeit strotzt.
Das Buch handelt vor allem von zwei ungleichen Brüdern und ihrer Beziehung, von der Gattin des einen, von ihren Nachkriegseltern und deren Ehe, von den Großeltern, von einer Figur eines Psychotherapeuten, von Funktionären und der großen weiten Welt aus den Froschaugen eines DDR-Buben. Fast alle kommen zu Wort in Mono- und Dialogen, die Rollenprosa wird schmerzhaft deutlich gesetzt und auch der Erzähler spricht in ihr. Es ist eine Sprache der Leere, des Geometriebestecks, die ich gern vergessen würde, die mir aber vertraut ist wie das Klacken an der urbanen Fußgängerampel: Die Sprache der Kriegs- und Nachkriegsgeneration und ihrer Nachkommen in einer auf die Heranziehung neuer Menschen ausgerichteten Welt. Der Autor haut sie mir wie in einem Regietheaterstück um die Ohren, dass man, ich, heulen möchte.
Die Rahmenhandlung ist die „Biofic“, die der jüngere Bruder über seinen im Sterben liegenden, sitzenden, polternden und immer manipulativen älteren Bruder schreibt. Dieser hatte eine gründlich missglückte Kindheit, wilde Jugend, bis er dann zu einem Star-Diskjockey der DDR aufgestiegen war. Ein wildes, außerordentliches Leben. Aber recht besehen geht es um des Autors Selbstzweifel, seine „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ (Janka), seine Recherche, die das Erleben des sachvertrauten Lesers immer reflektiert, also spiegelt, zurückwirft, wenn nicht schleudert. Der Autor ist mal ein verborgenes Rollen-ich, mal ein Tobias, zugleich ist es aber auch immer die Stimme, wenn auch nicht die Sprache, des Henry Sapparth. Oder es ist doch seine Sprache, aber nur die literarische. Man blickt mit ihm in den Maschinenraum des verdrängten Erinnerns.
Etwas gründlicheres Lektorat hätte dem Buch gut getan und den Druckfehlerteufel in Schach gehalten.
Henry Sapparth, Berts Irrfahrt um’s Glück. Edition Hewis, Zürich 2025.
