Als gerade tiefwestwärts immigrierter Doktorand, zum tatsächlichen Beginn des Jahrtausends, das war, als es weder A14 noch A38 gab, das war, als es noch wahre Buchhandelstempel in jeder City gab, in Dortmund die Mayersche zum Beispiel, noch in Konkurrenz zum bald geschlossenen Krüger, d.h. die Mayersche vor dem Umbau zum Geschenkeladen, d.h. der Ramschladen, die Bude, der dann vor ein paar Jahren zugemacht worden ist,

… hab ich angefangen, mir die Hamburger Ausgabe (Beck) nach und nach zu kaufen. Einzelband für Einzelband. Immer als Selbstbelohnung, wenn ich etwas geschafft hatte, oder als Trost, wenn ich etwas nicht geschafft hatte. Für mich als Relativwenigverdiener und junger Familienvater waren diese Bände wirklich teuer, jedesmal eine Sünde mit schlechtem Gewissen an der Kasse (viel viel teurer als der Gesamtkauf heute wäre). Es fing mit einem Band an (VI) wegen der Wahlverwandtschaften.

Diese Mayersche war ein faszinierender Ort. Noch ohne schickes Café im US-Stil, aber mit endllosen, verwinkelten Fluren, stillen Ecken, drei kleinstadtweiten Etagen. Dort stand irgendwo auch eine rätselhafterweise immer vollständige dunkelmarinblaue Ausgabe, edel wie ein Mercedes, sündig duftend. Diese Mayersche war noch eher Bibliothek als Shop (dass meine jüngere Tochter das nicht mehr erleben durfte!), also nicht auf Umsatz getrimmt – und doch ging ich niemals ohne Einkauf wieder hinaus.

Ich war und bin weder Wein- noch Goethekenner. Trinke nur manchmal gerne Wein (immer seltener) und lese manchmal gerne Goethe. Ich hatte keine Ahnung von den Vor- und Nachteilen einzelner Ausgaben. Kein Germanist. Was wusste ich! Es war etwas Haptisches, Olfaktorisches.

Jedenfalls habe ich mit jedem neuen gewissensbelasteten Bandkauf die billigen und diversen Ausgaben, meist Taschenbücher, die bis dahin auf dem Regalbrett lungerten wie Halbstarke, aussortiert. Irgendwann waren dann auch die helleren Einbände der Briefausgabe in der Reihe. Wie schön. Und welche Freude, darauf zu blicken, auf diese biographisch erzählbaren Sündenfälle, und wie befriedigend auch als Kulturhistoriker, damit zu arbeiten.

Letzteres wurde mit der Zeit aber doch mühsam. Bei kaum einem Autor macht die Ordnung nach Schriftgattungen meines Erachtens weniger Sinn als bei Goethe, der so viele Genres radikal neuartig durchgespielt hat, unvorhersehbar, scheinbar sprunghaft, aus der eigenen inneren Welt getrieben, also biographisch. Von einer Herausforderung zur nächsten gehend, wie auf einem müssigen Botanisierspaziergang durch Garten und Park, und dann auch viel unvollendend liegen lassend, und dann plötzlich doch wieder aufnehmend als seine frühen Publikume schon längst dahingeschieden waren. Dabei bildet der Spaziergang nicht nur den Bewegungsanlass des Sammelns, sondern auch den inhaltlichen Zusammenhang der Ideen. Wenn er äußerlich gar etwas liegen lässt, nimmt er doch das Bild mit, das er anverwandelt in neue Zusammenhänge einfügt oder einblendet.

All das habe ich schon viele Jahre wahrgenommen. Und es war dann mühsam, diesen Gedankenfluss in der Genreordnung der Hamburger Ausgabe zu erkennen und nachzuvollziehen, immer wieder äußerliches Suchen, immer wieder hohles Blättern.
Nun, kein Drama natürlich. Und den Kommentaren von Erich Trunz verdanke ich Jahre der gehobenen Unterhaltung. Aber es musste nicht so weitergehen.

Heute kam das bleischwere Paket von Hanser. Meine ältere Tochter freut sich, sagt sie, über die Hamburger Ausgabe, die ich ihr speditionieren werde und die uns einen unerschöpflichen Anlass für Erinnerung und Erzählung bieten könnte, wenn ich sie von Zeit zu Zeit besuche.

Bildrechte: By Joehawkins – Own work, CC BY-SA 4.0

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