Disclaimer: Ich äusserte mich lange nicht mehr so gern direkt zu diesem Thema, meine Bücher und Aufsätze zwischen 2000 und 2006 sollten reichen, dachte ich einmal. Erst globalgeschichtliche Themen, dann Public History und vor allem der Digital Change waren seitdem meine Schwerpunkte; es ist mühsam, als einer der wenigen heutigen Geschichtsprofessor_innen mit DDR-Sozialisation in allen möglichen Diskursen auf eben darauf festgelegt zu werden. Dabei könnte das Unterstellungsspiel immer auch reziprok verlaufen, oder? Aber so läuft es eben nie. Also, ich heute bin ich heute, das alles liegt lang zurück.

Vorspiel in Prag

Ich kann mich vor 1990 und danach nicht erinnern, dass es eine zur kollektiven Selbst-Identifikation genutzte Kategorie „DDR-Bürger“ gab. Dieser Begriff war einer der SED-Propaganda, aber jenseits dessen als kollektive Eigenbeschreibung? Nein. Dafür waren die politischen, kulturellen, sozialen und regionalen Differenzen in diesem gar nicht so kleinen Land von der Grösse Österreichs oder der Schweiz viel zu gross.

Es gab auch wenig Gelegenheiten, eine solche Kategorie als Fremdzuschreibung zu erfahren, Ausnahmen waren vielleicht Besuche in Prag oder Budapest, wo die einheimischen Geschäftsinteressent_innen ihr Interesse sehr genau danach unterschiedlich adressierten, ob D-Mark zu erwarten war oder nicht. Es waren das also Situationen, wo Gruppen von Deutschen aus der DDR und der BRD zusammentrafen, in denen zuerst so etwas, alle internen Differenzen überbrückendes und durch Fremdzuschreibung erzwungenes Gruppenbewusstsein als „DDR-Bürger“ sich bemerkbar machte. Ex negatione, die Ohne-D-Mark.

Ich erinnere mich auch an ein irgendwie, aber bis jetzt hier am Schreibtisch deutlich spürbar merkwürdiges Treffen meiner 12. Schulkasse mit einer gleichaltrigen aus Bremen, es muss 1988 gewesen sein (über das ich noch heute manchmal nachdenke). Da blieb etwas sehr Befremdliches. Vielleicht war es die unauflösliche Fremdheit und das Misstrauen meines damaligen Hauptgesprächspartners, eines sympathischen Rechtsanwaltssohnes, der sich aber von meiner Leutseligkeit und meinem echten Interesse einfach nicht rühren lassen wollte. Verstockt, ich war aus dem Reich des Bösen.

1990, unipolare Momente
Das Grundgefühl, die massgebliche Schwingung der ersten Monate des Jahres 1990 war in meiner überschaubaren provinziellen Erfahrungswelt, die aber so vielgestaltig wie die DDR selber war (apropos: die heterogenen politisch-kulturellen Milieus bekämpften sich nicht, freundlicher persönlicher Austausch in alle Richtungen blieb immer möglich und willkommen …), … ja, wie war das, in der Alchemie des Erinnerns kann ich es herbeirufen, es war so, dass man ganz selbstverständlich und zugleich freudig und im besten Sinne naiv davon ausging, dass diese in Prag oder Budapest erfahrene doppelte Wertigkeit nationaler Identitätszuschreibung, dieser erfahrbare und an das Geld gebundene (wie man dachte) kulturelle Doppelstandard, das der gegenstandslos werden würde, sich auflösen und verflüchtigen würde.

Endlich auch Westdeutscher sein – was Wohlstand, Reputation und Chancen anginge, das schien jedem attraktiv.

Begrüssungsgeld
Schlangestehen für das Begrüßungsgeld am Postamt Berlin 36, 11 November 1989, Wikimedia Commons: CC BY-SA 3.0

Viele mögen einen ersten Dämpfer bei der Besorgung des „Begrüssungsgeldes“ erfahren haben, besonders nach der Euphorie der ersten Tage nach dem 9. November. Manche haben sich diese gutgemeinte Demütigung auch erspart. Aber für das kollektive TV-Bewusstsein der Bundesbürger_innen galt dies: Aus den DDR-Revolutionsheld_innen wurden per Live-Berichterstattung im Handumdrehen lächerliche Bettler_innen. Für lächerliche 100 Mark stundenlanges Warten, teils chaotische Zustände. Über das Begrüssungsgeld wird heute in den FNL nicht gern geredet, und wenn, dann mit dem trotzigen Brustton Des-Doch-Zustehens, nachdem man doch die Revolution gemacht habe. Aber das war seinerzeit vielleicht nur eine kurze Irritation.

Der unipolare Moment, eine Erklärungsansatz, den man sonst für die Weltpolitik mit gutem Erfolg bemüht (Krauthammer 1990), hatte aber auch seine kleinen alltäglichen und persönlichen Facetten in diesem Jahr, und das scheint mir positiv massgeblich: keine Grenzen mehr, ALLES möglich, überall ernsthaftes Interesse und Willkommen. Die Freundlichkeit der Westberliner Beamten, die mir schon im Juli innerhalb einer halben Stunde einen westdeutschen Reisepass ausstellten (Mirakel!), die Kreuzberger Punker, die mir erklärten, warum ich keinesfalls bei MacDonalds essen gehen darf (was für Leute!) und vor allem die vier Wochen im August auf der Rucksack-Wanderung kreuz und quer durch Irland, wie viel Freundlichkeit!

Keine gravierenden politischen Konflikte mehr, dachte man, eine offene, warme Welt in Frieden, eine toskanesque Zukunftslandschaft. Für einen Zwanzigjährigen ein unfassbarer Sommer.

Die Ernüchterung
Ich weiss im Moment gar nicht genau, wann sich das änderte, wann diese kollektive Erwartung bei so vielen enttäuscht wurde. Eine Rolle spielte gewiss die Kolonialherrenattitüde vieler Buschzulagenbeamter (m), die sich überall, wohl ab Frühjahr 1991, ab mittlerem Niveau in den Verwaltungen, abends in den Restaurants und in den Refugien der DDR-gehätschelten Kulturrestbürgerlichkeit in Gewandhaus, Oper, Schauspiel und Bildermuseum oftmals mit der Attitüde der Gewichtigkeit kenntlich machte und ausbreitete.

Die Machenschaften der Treuhand! (eine platitude Formulierung, klar, ich suche nach dem besseren Begriff), die, und da tauchte es vielleicht erstmals auf: „ostdeutschen“ Unternehmer_innen gegenüber den Avancen gewichtiger westdeutscher (sic!) Unternehmer_innen in aller Regel das Nachsehen gab. Wer erinnert sich noch an den massenhaften Subventionsbetrug und die spekulativen Insolvenzen? Die begleitenden Massenentlassungen? „Die Ostdeutschen“ tun es, sie und ihre eigene kleine bürgerliche Ordnung waren betroffen.

Es gab Bestrebungen, dieser aufkommenden kulturellen Ost- und Westzuordnung etwas entgegenzusetzen, ich denke hier zuerst an die Benennung des „Mitteldeutschen“ Rundfunks 1992. Aber dafür es war schon zu spät.

Die stumpfsinnige Ost-West-Dichotomie war etabliert, der Ostberliner Bürokrat (Sterotyp), die werkelnde erzgebirgische Dörflerin (Stereotyp), der vorpommersche Werftarbeiter (Stereotyp), die ostfränkische Schuldirektorin (Stereotyp) und der niederschlesische Pfarrer (Stereotyp) fanden sich neu zu „Ostdeutschen“ vereinigt, der Oberbayer, die Saarländerin und der südschleswigsche Däne zu „Westdeutschen“. Ein Sprach-Ereignis der frühen 1990er Jahre.

Über die langfristigen kulturellen Auswirkungen der „Abwicklung“ an den ostdeutschen Universitäten 1992 habe ich schon hie und da eine Andeutung gemacht. Für mich und viele andere Studierende war es damals, um diese eine subjektive Beobachtung zu ergänzen, durchaus auch befremdlich, dass manche der neu berufenen Professoren (sic) „aus dem Westen“ die Zeit dringend gekommen sahen, nun endlich mit der Reeducation zu beginnen (was sei nicht alles versäumt worden seit 1990!), die Literaturlisten unserer Seminararbeiten politisch zu zensieren („Was hat der Soboul hier zu suchen??!“ [eine Geschichte für sich …]) und keine Gelegenheit verstreichen zu lassen, uns die Vorteile von Freiheit und Demokratie geduldig auseinanderzusetzen. Offenbar standen wir im Verdacht, die Diktatur zu bevorzugen.
Dahrendorf! wurde hochgehalten. DAS sei Wissenschaft, so sei es „im Westen“, und so müsse es nun auch hier werden. Dahrendorfs bei Popper ausgeliehenes erkenntnistheoretisches „Prinzip der Ungewissheit“ (Konflikt und Freiheit, 1972, S. 299ff.) war eine hübsche Beschreibung akademischer Ideale, allerdings auch eine Messlatte, mit der sich nicht nur „die ostdeutschen“ Studierenden und ihre verabschiedeten Hochschullehrer_innen vermessen liessen (wie offenbar nicht gut mitbedacht wurde).

Das Ganze vertiefte und ja: radikalisierte sich im Laufe der weiteren 1990er Jahre. Es gab über Jahre eine Serie unsäglicher Bücher, Talkshows, Zeitungsartikel, die die aufkommenden und – bitte beachten! – neuen und wechselseitigen Stereotype über die „Westdeutschen“ und „die Ostdeutschen“ erheblich unterfütterten. Halb erzeugten sie sie, halb beuteten sie sie nur aus. (Man erlasse mir hier die Fussnoten, wäre aber auch eine nette Studie, aber nicht für mich.)

These
Es entstand in den 1990er Jahren eine ganz neue Redeweise von „ostdeutsch“, die eben nicht mehr die heterogene Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebenen meinte, die ab 1945 nach Westen „strömten“, sondern die ehemaligen DDR-Bürger_innen, die sich bis dahin kaum als Einheit sehen konnten. (= meine These)

Beispiel

Als meine Frau und ich in Dortmund spazieren gingen, es muss im Herbst 2001 gewesen sein, die Familie war endlich nachgekommen, kamen wir an einer Schule vorbei, die wir interessiert musterten, weil wir für unser erstes Kind in wenigen Jahren eine Auswahl zu treffen haben würden.

Im Souterrain, strassenseitig, eine kleine Treppe führte hinunter, war eine stabile Tür. Darauf das Schild: „Ostdeutsche Heimatstube“. Hach! Dass es so etwas hier gibt! Nach einigen Augenblicken wurde uns dann aber klar, dass wir auf eine ältere Schicht des Begriffes „ostdeutsch“ gestossen waren.

Statistischer Befund

Bildschirmfoto 2018-04-13 um 17.04.50

Diese Graphik wurde über das Statistikfeature des Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache erzeugt (danke, GS). Es zeigt ein bis 1988/89 geringes Niveau der Verwendung des Begriffs „ostdeutsche“ im gesamten deutschsprachigen Schrifttum. Dann steigt die Verwendung sprunghaft an, aber nur im Bereich der Zeitungen. Den Peak sieht man 1993/94 mit dann immer langsamer abfallender Kurve, allerdings bis auf ein Niveau das deutlich über dem aus den 80er Jahren liegt, seit 2013 zeichnet sich ein erneuter Anstieg ab. Der Gesamtverlauf der Zeitungskurve mit dem Peak 1993/94 stützt These und die anekdotische Erzählung.

Weiterhin interessant erscheinen mit die Kurvenverläufe Belletristik und Wissenschaft, beide mit analogem Muster, aber leicht zeitversetzt. Hier haben wir den berühmten Time lag zwischen Ereignis (Zeitung) sowie künstlerischer und akademischer Verarbeitung sehr sinnträchtig demonstriert. Es ist auch ein Marktverlauf, dessen Sättigung sich unabhängig von der Latenz der Thematik vollzieht. Denn diese bleibt, wie wir ja alle wissen und steigt sogar wieder. Die belletristische und wissenschaftliche Verarbeitung hat sich aber längst erschöpft.

9. Januar 1990

Tagebuch 1990

„Die neue Freiheit möchte ich geniessen – nicht nur indem ich die Reisezeile verändere, sondern vor allem indem ich denke – ohne Schablonen und Zensuren.“

Am 9. Januar hat das ein 19-jähriger junger Mann (unter Umständen, die zu erklären ein ganzes Buch erforderte) in sein Tagebuch geschrieben. Mich berührt das heute seltsam, und es vermag mir viel zu erklären, es ist für diesmal allerdings nur ein kleiner Auszug, klar. Also: Nie wieder vereinnahmen lassen! Nichts für bare Münze nehmen! Dissidenz zum Mass machen! Resultierende Probleme als Bestätigung der eingenommenen Widerstandshaltung nehmen! Sich nicht mehr reduzieren lassen! Und dabei aus angelernter Haltung vorsichtig sein, bis zum Zeitpunkt des Erreichens einer roten Linie der pragmatischen Anpassung an obwaltende Umstände sich nicht in die Karten schauen lassen!

Das ist eine Grundhaltung, die ich überall wiederfinde. Auch in den Briefen, die ich mir damals mit meinen Freunden schrieb. Auch bei den Gesprächen, die ich mit den überall verstreuten Freunden bei den seltenen Treffen heute führe.

Das Blättern in diesem Tagebüchlein bildete den Anlass dieses Postings, eigentlich war das mal nur ein einziger Tweet vor Monaten: Jenseits der kulturellen Fremdzuschreibungen und jenseits der reagierenden kollektiven Eigenentwürfe von „West-“ und „Ostdeutschen“ gibt es wahrscheinlich doch auch und zusätzlich so etwas wie eine generationelle Substanz des „Ostdeutsch“-Seins, einen durch die Monate 1989-1991 hervorgebrachten Generationszusammenhang (vgl. Mannheim), mithin reale kulturelle Gruppen-Spezifika, jenseits aller mannigfaltigen Differenzierungen in einer Staatsbevölkerung, die durch die seit 1991 sich in oft etwas unglücklich vollziehenden Konstellationen zu erfahrenden Begegnungen in diesem neuen Deutschland offengelegt, aber nicht erzeugt worden sind. Wichtige Elemente genau dieser Spezifikation (es gibt gewiss weitere) sind durch die Erfahrung von 1989/91 geprägt worden; einer Phase des denkbar radikalsten und vollständigsten Wandels gesellschaftlicher Orientierungen (auch das ist wieder so ein sprachliche Leerformel: aber wie sagt man das besser?). Etwas, dass sich die Pendents aus „dem Westen“ in der Regel beim besten Willen nicht vorstellen können. Allerdings gibt es natürlich Ausnahmen, wie bei der Anwendung jeder Regel.

#Tellkamp

Ich habe über all das während der Tellkamp-Affäre wieder nachgedacht, durchaus aus auch kritisch in der Selbstreflexion. Ich habe mit Tellkamp ein paar biographische Gemeinsamkeiten, so wie mit jedem jungen Mann in der DDR, der während der Monate der Friedlichen Revolution, des Zusammenbruchs und der Wiedervereinigung um die 20 Jahre alt war.
Nicht, dass ich mich mit Tellkamp in der Sache hätte solidarisieren wollen, es ist mir vielmehr nicht gelungen, ihn persönlich und seine Aussagen ebenfalls derart zu verabscheuen, wie das grosse Teile meiner geschätzten Timelines auf eine sehr leidenschaftliche Weise vermochten. Und dabei, das war meine Kritik ab und an, das Kind mit dem Bade respektive das Werk mit dem Autor ausschütteten. Als ob habituelle Fremdsprachen aufeinander getroffen wären, am besten habe ich Tellkamp ohne Ton verstanden.
In den immer mal wieder besonders zugespitzten Beiträgen kamen so etwas wie kollektive Stereotype gegenüber „den Ostdeutschen“ neu auf und bestätigten sich gegenseitig. 28 Jahre nach 1990, und das hätte man sich damals wirklich niemand träumen lassen.

Ego-Dokumente!
Was sicher enorm erkenntnisreich wäre: Eine vergleichende Analyse von Tagebüchern und Briefen von Eben-Noch- und ehemaliger DDR-Bürger_innen aus diesen Monaten. Man lernte viel über die Selbsterfahrung ehemaliger DDR-Bürger_innen als „Ostdeutsche“. Das wäre ein Beitrag zur kulturellen nationalen Befriedung. Und ich könnte meine These weiter prüfen.
Im Tagebucharchiv Emmendingen (http://tagebucharchiv.de) dürfte es relevante Bestände dazu noch nicht geben, immerhin leben die allermeisten dieser Autor_innen noch. Und man kann wahrscheinlich von Glück sagen, dass sich der politische Ereigniszusammenhang 1989-1991 noch kurz vor der digitalen Revolution vollzogen hat, denn wenn mich nicht alles täuscht, hat sich die Tagebuch- und Briefkultur seitdem erheblich verändert – zu Lasten der herkömmlichen Überlieferung, mit der ihr eigenen medialen Begrenztheit. Wer schreibt noch Tagebuch? Wessen Email-Korrespondenz liesse sich heute ohne Methoden des Dataminings auswerten? In meinem Archiv seit 2006 liegen 25.000 gesendete Mails.

11 Gedanken zu “Die Erfindung DER Ostdeutschen

  1. Ich, „Wessi“ – das Wort „Ostdeutscher“ habe ich nie verwendet – bin mitten in die „Große Politik“ geraten, und habe es erst Jahre später einordnen können:

    – 1991 habe ich am neuen „corporate design“ der MINOL-Tankstellen mitgearbeitet. Das neue Design war schon „besonders“, eine Neuinterpretation von „Superman“, siehe wikipedia „Minol“, Abbildung ganz oben. Das MINOL-Projekt wurde plötzlich abgebrochen, obwohl schon die ersten Tankstellen im neuen Design gebaut waren …

    – kurze Zeit danach habe ich als Vorarbeit für einen Image-Film in den LEUNA-Werken recherchiert. Der Film wurde noch realisiert, aber kurz danach gab es LEUNA nicht mehr …

    was war passiert? frage ich den Historiker mit Ost-Hintergrund …

    Ich weiß es inzwischen, und es erscheint mir typisch für das, was die „Wiedervereinigung“ wirklich war.

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      1. Danke! so war‘s gemeint …

        Einen „Freispruch“ in Sachen „Wiedervereinigung“ würde ich aber nicht verkünden, siehe die Zusammenfassung der „Leuna-Affäre“ auf wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Leuna-Affäre

        Und „legal“ heisst ja auch nur, dass die Gesetze so gemacht waren, dass sich die West-Konzerne die Ostbetriebe mühelos aneignen konnten, bzw. unliebsame Konkurrenten aus dem Weg schaffen konnten …

        Was mich an der Affäre interessiert:

        – wie man mitten in der Weltgeschichte steht, und nichts davon mitbekommt – ich hab damals überhaupt nicht verstanden, was eigentlich passierte

        – was es mit den Menschen machte:

        Die Münchener Agentur, die das neue MINOL-Design realisierte, hatte für den Auftrag eine eigene Berliner Dependance eröffnet. Dann brach plötzlich der Kunde weg: das Ende … die Mitarbeiter auf der Staraße

        Ich wurde damals durch die LEUNA-Werke geführt, um mögliche Drehorte zu finden, usw. Die Stimmung: Endzeit. Man ahnte wohl schon, dass es keine Zukunft gibt. Neben Arbeitslosigkeit bedeutete das: mal ganz schnell das „Lebenswerk“ in den Müll befördert

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      2. Ja, diese Erfahrung wurde damals massenhaft gemacht. Ich habe das in Leipzig 1991ff. miterlebt, wie plötzlich gleichsam eine ganze Stadt arbeitslos wurde, wie Betriebe schlossen, für deren Erfolg oder zumindest Überleben man sich jahre-, wenn nicht jahrzehntelang eingesetzt hatte, die über die vielen langjährigen sozialen Kontakte (Stichwort: Kollektiv) zu einer zweiten Familie geworden waren. (Heute kaum noch vorstellbar, dass man nicht zuerst nach dem Geld gefragt hat, für das es ohnehin nur begrenzte Konsumptions-Möglichkeiten gab. Wer kann sich noch etwas wie Subbotniks vorstellen, die eben nicht für alle immer nur lästige Pflichtveranstaltungen gewesen waren.) Die plötzlichen Betriebsschliessungen wurden für viele, gerade etwas ältere Mittvierziger und Mitfünziger ohne neue Perspektive zu einer vereinsamenden, traumatischen Erfahrung. Die Nischen der Nischengesellschaft wurden von heute auf morgen ausgeräumt, denn sie waren in der DDR zumeist nicht rein privat, sondern an die „Brigaden“ und die Kolleg_innen gebunden.
        Mal nur ein Beispiel: Als Student damals habe ich die Gelegenheit zu Freibeutereien genutzt, bin mit Freunden durch die riesigen Areale geschlossener Werke gestromert, habe das Mobiliar meiner WGs erweitert. Vor allem aber, und das hat mich damals sehr berührt, bin ich immer wieder auf die liebevoll gepflegten ehemaligen Betriebsbibliotheken gestossen, deren Bestände in Abfallcontainer achtlos verkippt wurden. Wichtige Teile meiner studentischen Bibliothek, ich erinnere mich z.B. an meine Hemingways, stammen aus einem Wühlen in solchen Abfallcontainern. Dieses Wühlen im Über-Nacht-zu-Abfall-Gewordenem hat sich mir als Erinnerung eingeprägt. Wiedergefunden habe ich diese Eindrücke dann in den Tarkowski-Filmen, die parallel endlich im damaligen Grassi-Kino laufen konnten. Eine mentale Melange damals, die ich immer noch riechen und spüren kann – auch jetzt 25 Jahre später in meinem Büro in der Nähe von Zürich.

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  2. @ meineparalipomena

    das ist wohl das, was nach meinem LEUNA-Erlebnis kam, Zitat „meineparalipomena“:

    „Vor allem aber, und das hat mich damals sehr berührt, bin ich immer wieder auf die liebevoll gepflegten ehemaligen Betriebsbibliotheken gestossen, deren Bestände in Abfallcontainer achtlos verkippt wurden.“

    Neben der Werksbesichtigung – die sehr eindrucksvoll war, weil riesig und „unheimlich“, endlose Labyrinthe aus Rohren – gab es einen Blick ins Werks-Archiv: da wurde der LEUNA-Mitarbeiter aber sowas von „melancholisch“ … allein dafür gehörte der Kapitalismus auf der Stelle abgeschafft

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  3. @ meineparalipomena

    ich habe versucht, noch etwas mehr zum dubiosen „ELF/MINOL“-Deal zu finden.

    Den „Focus“ zitiere ich normalerweise nicht – „unseriös“ –, aber ich denke, es ist o.k., um zu verstehen, dass etwas „zum Himmel stinkt“.

    „Hartmut Andresen“ ist der Chef der Agentur „HC Andresen“, die das corporate design für MINOL schuf:

    „ELF/MINOL

    Der Hintermann

    Montag, 14.06.1993, 00:00

    Mit Milliardenkosten zu Lasten der Steuerzahler kungeln Regierung und Treuhandanstalt mit der Elf

    Der Anruf kam anonym. „Herr Andresen“, drohte die Stimme am anderen Ende der Leitung, „wenn Sie zum geplanten Treffen bei dem Wettbewerber fliegen, hat das nachteilige Auswirkungen auf Ihre Geschäftsbeziehungen zu Minol.“

    Heute weiß Hartmut Andresen zumindest, wie es zu dem Telefongespräch kommen konnte. Im Büro des Marketingexperten, der den lilafarbenen Minol-Markenrelaunch entwarf, entdeckte ein Funkamateur, wie Andresen erst jetzt erfuhr, eine Wanze. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt – bislang gegen Unbekannt.

    Der Vorfall paßt nahtlos in die Kette der bisherigen, teilweise absurd anmutenden Details im Rahmen des Verkaufs des gewinnstärksten Unternehmens in den neuen Bundesländern.

    Mit Finten, Schlichen und Winkelzügen ohne Ende hat es die Treuhandanstalt (THA) verstanden, dem Minol-Erwerber eine herausragende Stellung im ostdeutschen Mineralölwettbewerb und den deutschen Steuerzahlern einen Milliardenverlust zu verschaffen.

    Infam: Die Umstände der Veräußerung der Minol AG an den französischen Staatskonzern Elf Aquitaine deuten auf ein abgekartetes Spiel zwischen Bonn und Paris.

    (…)“

    weiter: https://www.focus.de/finanzen/news/elf-minol-der-hintermann_aid_143382.html

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